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Postapokalyptische Reise

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, sagte Kafka. "The Road" ist so ein Buch, das diesem Anspruch gerecht wird. Bewegender und bedrückender kann die Postapokalypse nicht erzählt werden als in diesem Roman des National Book Award- und Pulitzer Preis-Trägers Cormac McCarthy („No Country For Old Man“).

Wie genau die alles vernichtende Katastrophe ausgesehen hat, erfahren wir in "The Road" nicht. Wie ein obskurer Schleier hängt die unbekannte Stunde Null über der endlosen Einöde aus Asche und Verwesung. Eine Nicht-Welt, in der es keine Gesellschaft mehr gibt, nur noch wenige Menschen, die, teils mehr tot als lebendig, durch die Lande irren und um die letzten Reserven kämpfen. Wenn Menschen aufeinandertreffen, regiert das Gesetz des Stärkeren. Fressen und Gefressenwerden, auch im wörtlichen Sinn. Moral ist ein Konzept, das mit der menschlichen Zivilisation untergegangen ist. Ein Naturzustand ohne Natur. Keine Tiere, keine Pflanzen, nichts mehr da, das Hoffnung wecken könnte. Mitten drin ein Vater und ein Sohn, die versuchen zu überleben; ihre Liebe zueinander ein winziges Licht in einer sterbenden Welt. Genau dieser Kontrast ist es, der hier die von Kafka beschworene, das Innere erschütternde Wirkung entfaltet.

Während die beiden Überlebenden auf der Suche nach Schutz und Nahrung über die titelgebende Straße voran ziehen, offenbart sich ihre tiefe Verbindung in jeder Handlung, jeder Geste und jedem pragmatisch erscheinenden Gespräch. Gerade diese ergreifend schlichten Dialogen zwischen Vater und Sohn haben eine besondere Kraft, die „The Road“ auf eine höhere, philosophische Ebene hebt.

Wo die Straße endet, wissen die beiden namenlosen Protagonisten nicht. Die Straße bedeutet Hoffnung, aber auch Gefahr, denn Vater und Sohn sind nicht alleine unterwegs. Ihre Beziehung ist das einzige, an dem sich ihre Existenz auf dieser lebensfeindlichen Route festmachen kann. Auf der mühsamen Reise ins Ungewisse bringt der Vater dem Sohn alles bei, was er kann und weiß, ahnend, dass die gemeinsamen Tage gezählt sind. Der Sohn bewahrt seinerseits den Vater vor der totalen Verzweiflung und erinnert ihn daran, dass es vor dem Untergang einmal etwas Gutes gegeben hat. Er ist der moralische Kompass, der den Vater davon abhält, seine Menschlichkeit aufzugeben, die in dieser neuen Welt ohne Sinn zu sein scheint - und doch das Einzige ist, was beider Leben überhaupt erhaltenswert macht.

Fesselnd ist diese Reise bis zum Schluss, denn natürlich wünscht man diesen beiden letzten guten Menschen, dass sie am Ende der Straße irgendeine Zukunft finden, für die sich der Kampf gelohnt hat. Doch so recht dran glauben kann man nicht inmitten all der Tristesse, die McCarthy in eisigen, wind- und regengeschwängerten Grau- und Schwarztönen ausmalt. Düstere Bilder von toten Wäldern und endlosen, kargen Landschaften sickern ins Gemüt und wirken lange nach.

Aber „The Road“ ist nicht nur eine ergreifende Geschichte über das Ende der Welt, sondern auch eine klug und einfach konstruierte Parabel über das Leben - mit einem Ende, dessen Deutung McCarthy seinen Leser*innen selbst überlässt und sie damit auch ein Stück weit auf eine Glaubensprobe stellt.

Cormac McCarthy: The Road