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Procrastination is not a crime.

Eine Zeit lang habe ich an der Uni Kurse gegeben, in denen ich Studierenden erzählt habe, wie man eine Bachelorarbeit schreibt bzw. schreiben sollte. Neben Informationen darüber, wie man eine Gliederung macht usw. ging es in diesen Kursen auch um die sinnvolle Strukturierung des Arbeitsprozesses und dabei vor allem um die Frage: Wie schaffe ich es, mich auf das zu konzentrieren, was ich machen muss und nicht 90 % der fürs Schreiben vorgesehenen Zeit mit Whatsapp, Tiervideos oder mit dem Öffnen und Schließen des Kühlschranks zu verbringen?

Theoretisch gibt es dazu eine Menge super nützliche Weisheiten und Methoden, die immer viel mit selbstgeschaffenen Strukturen und Plänen zu tun haben. Wenn ich dieses Ratgeberwissen an die Kursteilnehmer*innen weitergegeben habe, kam ich mir oft vor wie die letzte Heuchlerin. Hätte mir eine/r von ihnen mal dabei zugeguckt, wie ich meine eigene Magisterarbeit geschrieben habe, wäre wohl keiner mehr zu diesem Kurs gekommen.

Ehrlicher wäre es wohl gewesen, hätte ich gesagt: „Macht einfach irgendwie, das passt dann schon am Ende“. Aber für solche der authentischen Lebenserfahrung von Chaosdozent*innen entsprungenen Tipps erteilt die Uni eben keine Lehraufträge.

Kurz und gut, meine eigene Erkenntnis – erworben erst lange nach dem Abschluss in der wunderbaren Welt der Freiberuflichkeit – ist folgende: Man muss der Prokrastination ihren Raum geben. Sie verflüchtigt sich nämlich leider nicht, je mehr man sie und sich selbst ihretwegen verflucht, im Gegenteil.

Ich bin grundsätzlich anti-strukturalistisch und hasse alles, was mit Plänen zu tun hat, aber in mittel-bis stressigen Phasen hat es sich schon bewährt, hin und wieder mit Zeitplänen zu arbeiten. Dabei ist es für mich als Prokrastinationsfan wichtig, Zeit für Zeitverschwendung einzuplanen, auch wenn es erst mal absurd klingt.

Wie viel man braucht, ist individuell verschieden. Man kann anfangen mit kurzen, die eigene Disziplin nicht überfordernden Einheiten von 20 Minuten, in denen man sich voll auf die Arbeit konzentriert, dann 10 Minuten für prokrastinative Aktivitäten (Wecker stellen!) veranschlagen, und immer so weiter.

Das klingt erst mal nach viel Prokrastinationszeit, aber letzten Endes schafft man so tatsächlich mehr, als wenn man den ganzen Tag mehr oder weniger wegprokrastiniert, ohne sich dessen bewusst zu sein, was ja durchaus schon mal vorkommen kann. Die für Konzentration veranschlagte Zeit kann bei Machbarkeit entsprechend hochgesetzt werden, also von 20/10 auf 30/10 bis 50/10.

Nach je zwei Stunden sollte dann eine längere Pause eingeplant und auch eingehalten werden. Nicht nur, um sich zu erholen, sondern auch, weil begrenzte Zeitintervalle erwiesenermaßen effektiver genutzt werden als wenn man sich zum Beispiel vornimmt, „den ganzen Tag nonstop“ an einem Projekt zu arbeiten – übrigens meiner Erfahrung nach - neben Perfektionismus - die Prokrastinationsfalle No. 1.

Man sollte allerdings nicht zu hart mit sich sein, wenn man es doch nicht schafft, konsequent in so einem selbst verordneten Rhythmus zu arbeiten und entsprechend doch wieder gefühlt zu viel Zeit im unendlichen Orkus der Unproduktivität landet.

Es gibt eben Leute, die nur unter (teils selbstgeschaffenem) Abgabedruck wirklich effizient arbeiten können und dann auch übermenschliche Energien an den Tag legen. Was ja eigentlich auch eine gute Sache ist. Die Crux ist dabei nur, dass die meisten, wie Lin De Funès, trotzdem leiden, vor allem wohl, weil sie aus irgendwelchen Gründen glauben, irgendwas „falsch“ zu machen.

Diesem v.a. durch „schlechtes Gewissen“ von innen wie außen erzeugten Druck kann man m. E. am besten eine gewisse pragmatische Lässigkeit entgegensetzen, um sich nicht komplett verrückt zu machen - was in jedem Fall und für jede Art von Projekt kontraproduktiv ist. Diese Haltung kann man sich mit etwas Erfahrung aneignen, wenn man einfach mal reflektiert und sich in Zeiten der Verzweiflung immer wieder bewusst macht, von wie vielen (wirklich wichtigen) Deadlines man schon gedacht hat, man würde sie auf keinen Fall schaffen, und dann dagegen rechnet, wie viele man tatsächlich verpasst hat.

Die meisten Prokrastinierer*innen haben ja schon (oft) erlebt, dass das Zeug am Ende ja doch irgendwie immer fertig wird, dass sie also eben doch und instinktiv genau den richtigen Zeitpunkt abpassen, um ernsthaft mit der Arbeit anzufangen. Letzten Endes können viele eben einfach mit ein paar Nächten voller Hardcore-Stress und Monster Rehab besser leben als mit dem ewig scheiternden Versuch, rigide Zeitpläne einzuhalten, um eben diesen Stress zu vermeiden. So what? Wer sich deshalb ständig fertig macht, hat schon verloren.

Prokrastination