Provinzielle Medienlandschaften: Journalismus und Krise in Münster

Die Medienlandschaft der Fahrrad-, Tatort- und Unistadt Münster ist seit langem überschaubar: Es gibt die zwei Tageszeitungen Westfälische Nachrichten und Münstersche Zeitung, eine Straßenzeitung sowie ein paar Stadt- und Veranstaltungsmagazine. Seit letztem Jahr ist diese, für eine Großstadt sehr übersichtliche Auswahl noch geschrumpft, da die von der Insolvenz bedrohte MZ vom WN-Verlag Aschendorff übernommen wurde und die Inhalte beider Zeitungen seitdem fast deckungsgleich sind. Eine Initiative möchte jetzt eine Alternative mit dem Namen „Die Andere Zeitung“ auf den Weg bringen.

Ich bin im Münsterland aufgewachsen und habe in Münster zehn Jahre gelebt und studiert. In meiner Jugend war ich freier Journalist für eine Lokalausgabe der WN – oder, wie sie auf dem Land auch heißt: „die große Zeitung“ – und berichtete von Schützenfesten und Jahreshauptversammlungen, machte aber auch erste Schritte im Musik- und Theaterjournalismus. Die Verhältnisse waren provinziell bequem: Konkurrenz zwischen den beiden Zeitungen war kaum existent, das Verhältnis freundlich. Teilweise wurden Fotos und Infos ausgetauscht. Für meine erste Digitalkamera erhielt ich hunderte D-Mark Zuschuss geschenkt – alles heute ziemlich undenkbar.

Das ist allerdings auch über zehn Jahre her. Seitdem wurde die Zeitungsbranche kräftig durchgeschüttelt, etablierte Blätter eingestellt, Online-Branchen immer wichtiger. Dass einer der größten jüngeren Skandale in Sachen investigativer Journalismus und Justiz einen Blog betraf – der Fall netzpolitik.org – und kein Print-Erzeugnis, ist durchaus bezeichnend. Web 1.0 und 2.0 schafften Möglichkeiten für eine Multiplizierung öffentlich hörbarer Stimmen – die nicht alle nebensächlich und irrelevant sind.

Guter Journalismus, ob durch Blogs, Zeitungen oder Magazine, braucht allerdings Unabhängigkeit und Geld. Bei der Münsterschen Zeitung fallen 50% der Stellen weg – Münster verliert also rund ein Viertel seiner bezahlten Zeitungsprofis. Auch das Schicksal der „Anderen Zeitung“ wird sich hier entscheiden: Kommt, aus welchen Töpfen und Taschen auch immer, genug Geld für einen Betrieb zusammen? Kann das Projekt durch Abos, Verkäufe und gegebenenfalls Werbeeinnahmen dauerhaft am Leben erhalten werden?

Zugespitzt: Wieviel ist das wem wert? Gerade im Bereich Online treibt diese Frage die Branche seit Jahren um. Die taz geht forsch voran und wirbt eindringlich, man könnte auch sagen aggressiv, für das freiwillige Bezahlen von Content – versteckt aber nichts hinter einer Paywall. Vor diesem Schritt scheuen sich viele Publikationen und versuchen eher, mit Werbeeinnahmen zu kompensieren.

Wenn ich ehrlich bin, werde ich die Entwicklungen in meiner alten Heimatstadt natürlich mit Interesse verfolgen, aber wahrscheinlich nicht finanziell unterstützen. Würde ich noch dort wohnen, würde ich mich eventuell engagieren, aber vermutlich nicht abonnieren. Damit bin ich im Grunde Teil des Problems, aber auch Teil eines Trends, der reale Ursprünge hat und als Realität akzeptiert werden muss.

Zeitungsbranche

http://taz.de/Zeitung-selbermachen/!160944/

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