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Psychische Erkrankungen sind immer noch keine Magen-Darm Grippe

"Weißt Du, der Thomas, Dein Sandkastenfreund, der ist jetzt Architekt", sagt meine Mutter über das Telefon.
"Aber ich interessiere mich nicht für Architektur. Ich mag Bücher", erwidere ich.
"Ja, aber was willst Du denn in Deinem Leben machen? Immerhin hatte ich in Deinem Alter schon zwei Kinder", setzt Muttern nach.
"Ich glaube, mir ist schlecht", ich hänge lieber auf als mit Muttern zu streiten.

Meine Mutter versteht halt nicht, wie das so ist, wenn man eine Persönlichkeitsstörung hat. Es scheint, dass meine psychische Erkrankung wie eine Anklage an ihre Erziehung zwischen uns steht. Das Ganze ist auch schwer zu verstehen. Man sieht es Betroffenen eben nicht an, wenn es ihnen mal wieder schlecht geht. Ich bleibe dann nämlich lieber im Bett und starre aus dem Fenster oder schaue vier Stunden YouTube-Videos am Stück. Es ist hoch interessant, anderen Leuten beim Schinken zu zusehen. Dieses belanglose Gebrabbel übertönt meine Innere Leere. Waschen oder Kämmen tue ich mich an den Tagen auch nicht, das ist eh überbewertet. Generell gilt: An solchen Tagen fühle ich mich dem eigenen Grab viel näher als meinen Mitmenschen. Das kann einer Karriere schon mal hinderlich sein.

Immer noch haftet psychischen Krankheiten ein Stigma an. Obwohl immer mehr in den Medien steht und immer mehr Leute in Privatgesprächen von ihren Krankheiten erzählen, wird der Diskurs selten offen in der Gesellschaft geführt. Ich lese hin und wieder mal einen Guardian-Artikel darüber. Das Tabu darüber zu reden, wird dadurch aber nicht gebrochen. Denn leider kann ich die Artikel nicht meiner Chefin schicken, wenn es mir mal wieder dreckig geht. Das sind dann die Tage, wenn ich mal für fünf Minuten auf Toilette verschwinden muss, weil ich die Sinnlosigkeit des Lebens kaum aushalten kann. Gerne würde ich meinen Arbeitgeber*innen auch erklären, warum ich nie mein Studium abgeschlossen habe. Aber der Satz "Ich war mit Überleben beschäftigt" klingt in einem Jobinterview eher lächerlich. Mein Leben ist nämlich nicht verlaufen wie das von Ellen Ripley aus Alien sondern mehr wie Erika Mustermanns. Das kleine Alkoholproblem meiner Eltern? Das kommt in den besten Familien vor. Ich kann leider auch nicht sagen, was da schief gelaufen ist.

Ausserdem gibt es noch die Tage, an denen ich mich nicht krank fühle. Jeder Mensch hat Stimmungsschwankungen. Ich bin ja nicht die Urlaubsanimateurin und ständig zur guten Laune vertraglich verpflichtet. Mir geht es super. Arbeit macht mir nichts aus, das Schreiben fliegt mir von der Hand und ich schaffe es, mich bei Menschen zu melden, die seit Wochen nichts mehr von mir gehört haben. Sobald man erst einmal einer Person erzählt hat, dass man eine psychische Krankheit hat, wird jegliches exzentrische Verhalten daraufhin interpretiert. Das kann besonders nervig sein, wenn man in einem Streit zu hören bekommt: "Du kannst das sowieso nicht beurteilen, weil Du hast ja xyz."

Manchmal sage ich auch Sachen wie: "Jeder Mensch sollte Therapie gemacht haben." Menschen, die das Glück hatten und eine Therapieform gefunden haben, die ihnen hilft, werden mir dabei vielleicht zu stimmen. Was man über sich selbst lernen kann und vor allen Dingen wie man kommunizieren sollte, kann einem helfen, sicherer durch das soziale Gestrüpp seiner Freundschaften und Arbeitsbekanntschaften zu manövrieren.

Was mich ankotzt sind allerdings so dümmlich-provokante Kommentare wie der von Ronja von Rönne über psychische Erkrankungen. Generell stimme ich ihr zu, wenn sie von der Pathologisierung der Menschen spricht, in dem das Unglücklichsein schnell zur Krankheit erhoben wird. Unglücklich sein heisst auch, ungemütlich zu sein in einer durchoptimisierten, produktiven Gesellschaft. Ich habe mich zum Beispiel sehr bewusst dagegen entschieden Medikamente zu nehmen, obwohl sie mir mit meinen Stimmungsschwankungen helfen würden. Diese Stimmungsschwankungen gehören nun mal zu mir wie mein braunes Haar oder mein Übergewicht. Das muss ich aushalten können, aber auch mein Umfeld. Ich will mich nicht entschuldigen oder verstecken müssen. Der Artikel macht eine kluge Beobachtung, nämlich dass psychische Erkrankungen vielleicht an dem gesellschaftlichen System liegen, in dem wir uns bewegen. Allerdings verliert die Kritik am liberalen Optimierungswahn und der zerstörerischen Sehnsucht nach dem Pursuit of Happiness an Kraft, wenn ich mich erst durch Gemeinplätze und Clichés zu psychischen Erkrankungen lesen muss. Niemand, der an Borderline erkrankt ist, geht freiwillig in die Klinik, um sich eine Auszeit zu gönnen. Denn danach fällt der Wiedereinstieg in die Gesellschaft nicht leichter. Es ist eben nicht eine Magen-Darm Erkrankung, die man in einer Woche wieder los ist, sondern durchaus eine Krankheit, die eine Persönlichkeit tiefgreifend verändern kann.

Was Frau Rönne so klug bemerkt, fällt zurück hinter ihrem unangebrachten Spott für Betroffene. Enttabuisierung, von der da im Artikel die Rede ist, findet einfach nicht statt. Niemand verlangt einen Freifahrtsschein im Job, weil man Depressionen hat. Ich will auch kein Mitleid und keine dumme Lügen erzählen müssen, warum ich doch nicht zur Arbeit kommen kann. Vielleicht können mir auch andere Leute einfach auch mal nicht erzählen, was Normal ist und was nicht.

psychische Erkrankungen

http://www.welt.de/kultur/article138785887/Warum-ihr-alle-psychisch-gestoert-seid.html