Reaktionäre Zwangsveranstaltung

Ja, ich gebe es zu: Ich habe damals - vor langer, langer Zeit - gerne an den Bundesjugendspielen teilgenommen. Im Winter sogar mit ein wenig mehr Spaß als im Sommer, da ich wegen der obligatorischen Kraftsportdisziplin Kugelstoßen stets "nur" eine Siegerurkunde erreichen konnte, während in der kalten Jahreszeit beim Geräteturnen immer eine Ehrenurkunde drin war. Aus diesem Grund mag man mir vielleicht eine gewisse Portion Parteilichkeit unterstellen. Allerdings - so kann ich einwenden - hatte auch ich Momente, die sensiblere Gemüter durchaus hätten demotivieren können. Wie schon erwähnt war Kugelstoßen alles andere als meine Paradedisziplin und ich lag dort jedes Jahr im hinteren Teil des Teilnehmerfeldes. Aber auch im 100m-Lauf hatte ich stets aufs Neue meinen Albtraum: auf den ersten 50 m noch in Front liegend wurde ich jedes Mal von meinem Klassenkameraden Jochen überholt und schließlich deutlich besiegt. Niemals hatte ich auch nur den Hauch einer Chance, den Zieleinlauf zu korrigieren.

Auch war mir Jochen in den Fächern Deutsch und Englisch überlegen, was in den Zeugnisnoten schonungslos dokumentiert wurde und letztlich dazu führte, dass er Medizin und ich nur BWL studieren durfte; Stichwort Numerus clausus, auch so ein Selektionsinstrument, das sensiblen und mit dem Leistungsprinzip nicht so vertrauten Gemütern Unbehagen bereiten kann.

Auf der anderen Seite konnte ich sehr viel besser Fußball und Schach spielen. Nie hat mich seine Überlegenheit demotiviert oder gar unter sozialen Druck gesetzt. Wir lebten schon damals in einer Leistungsgesellschaft, wer besser war, war eben besser. Das gilt auch noch heute und eben diesem Umstand habe ich es zu "verdanken", dass ich immer noch kein einziges Bundesligaspiel für den HSV absolvieren durfte.

Anstatt sich aus Neid oder Frustration der Leistungsverweigerung zu verschreiben oder seinem vermeintlichen Trauma hinzugeben, sollte man lieber schauen, wo die eigenen Stärken liegen, sich auf diese konzentrieren und daraus Erfolgserlebnisse ziehen. Dies gilt für alle Phasen und Bereiche des Lebens, also auch für die Bundesjugendspiele. Dies kann nicht frühzeitig genug gelernt werden, denn wir lernen fürs Leben vom ersten bis zum letzten Atemzug.

Bundesjugendspiele abschaffen

http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/bundesjugendspiele-mutter-startet-petition-bundesjugendspieleweg-a-1040475.html