Reisen bildet - Heute: Jerusalem

Ich habe mich in den letzten Wochen mal wieder auf Reisen begeben, und es war gut, mal wieder aus dem Gewohnten herauszukommen und Neues zu erleben, Neues, das dem bestehenden Bild der Welt mal etwas ganz Anderes entgegensetzte, das das eigene Weltbild hinterfragte und auf die Probe stellte. In meinem Fall geschah dies ganz besonders in Jerusalem.

Jerusalem, die Heilige Stadt, die Stadt, die alle Weltreligionen, die auch in die Geschichte Europas eingriffen, für sich beschlagnahmen. Zwischen Ölberg und Jaffator, in den engen Gassen und an der Klagemauer ist jener erhitzte Kampf um die Deutungshoheit über die Geschichte und die Sicht der Welt, die daraus resultiert, spürbar, um Orte und Personen, die nach den verschiedenen Schriften hier aktiv waren. Jede einzelne Richtung des Christentums unterhält hier ihre eigene Niederlassung, und in der Grabeskirche ballt sich dieser Konkurrenzkampf dermaßen, dass Sultan Saladin einstmals keinen anderen Ausweg sah, als die Schlüsselgewalt zu dieser Kirche einer moslemischen Familie anzuvertrauen, die immer noch nach all den Jahrhunderten ihren Dienst versieht und die Kirche morgens aufschließt und abends wieder verschließt.

Ebenso abstrus wie der Wettkampf der Konfessionen um die beste Präsenz an den heiligen Stätten sind für den Außenstehenden – wie mich als Agnostiker – auch die sich im Wandel befindlichen Sichtweisen hinsichtlich der tatsächlichen Handlungen und auch Visionen, die mit den einzelnen Orten verbunden werden. Die Jungfrau Maria ist nach dem, was ich vor Ort hörte, an zwei Orten in Jerusalem nacheinander in den Himmel aufgefahren, und an beiden Orten steht eine Kirche, in der diesem Ereignis gedacht wird. Bislang dachte ich, sie habe bis zu ihrem Tode in Ephesus in der heutigen Türkei gelebt. So kann man sich irren, oder auch nicht.

Spannend ist auch die Geschichte aus der jüdischen Überlieferung, nach der der Erlöser, wenn er einstmals wiederkommt, auf einem weißen Esel vom Ölberg hinüber zum Tempelberg reiten wird, um dort Gericht zu halten, weswegen sich gläubige Juden in Massen in jenem Tal zwischen Tempelberg und Ölberg beerdigen ließen, um bei dem Anlass aus ihren Gräbern auferstehen und dem Erlöser folgen zu können. Grundsätzlich könnte man fragen, warum es erstrebenswert ist, beim Jüngsten Gericht zuerst dranzukommen, aber das sei dahingestellt. Interessanter ist allerdings, dass die Anhänger der Religion des Friedens während der byzantinischen Herrschaft alles taten, um diesen Riesenfriedhof zu zerstören. Islamische Friedhöfe – auch die gibt es in Jerusalem – sind für den israelischen Staat hingegen tabu.

Mit beiden Händen greifbar ist in Israel allerdings ein Gefühl der Unsicherheit, des ständigen Konkurrenzkampfes, der in seinen Einzelheiten kam beschreibbar ist, da die beteiligten Gruppen sich überschneiden. Auch in Israel lebende Araber sind Israelis mit vollen Bürgerrechten. Und nebenbei stellt der Staat Israel keine geschlossene Einheit dar, was einem spätestens dann klar wird, wenn der Reiseführer auf dem Weg nach Jerusalem darauf hinweist, das überall in den Häusern am Wegesrand, die schwarze Wasserzisternen auf den Dächern haben, Araber wohnen. Plötzlich erkennt man rechts und links der Straße schwarze Wasserzisternen und fühlt sich im Belagerungszustand. Für israelische Bürger ist das Normalität.

Das Gegenteil von Normalität sind nicht nur für Antisemiten ja orthodoxe Juden, die in Jerusalem mit ihrer schwarzen Kleidung, ihren schwarzen Hüten und ihren Schläfenlöckchen das Straßenbild prägen. Sie sind halt für den Außenstehenden das, was auffällt und was im Zweifel auch abstößt. Witzigerweise sind auch liberale Juden nicht gut auf diese Menschen zu sprechen, die ihrer Aussage nach den israelischen Staat lähmen und ausnutzen, obwohl sie ihn gleichzeitig ablehnen. Sie sind eine Minderheit, die sich für die Inhaber der letzten Wahrheit halten und dabei in einer ständigen Abwehrhaltung gegenüber allem leben, das ihrer Lebensweise nicht entspricht. Im Grunde haben sie das mit religiösen Hardlinern aller Weltreligionen rund um die Welt gemeinsam. Die Mehrheit ist anders, ist an einem friedlichen Zusammenleben aller Völker und Religionen interessiert und wünscht sich nichts mehr als Frieden.

In Wahrheit ist Israel nämlich auch ganz anders als Jerusalem, wo sich die Weltreligionen einen ständigen Wettstreit leisten. In Wahrheit ist Israel ein moderner Staat, der sich von seinem Lebensstandard her trotz der allgegenwärtigen Bedrohung von innen und außen auf einem europäischen Niveau bewegt, der mit Hochtechnologieunternehmen auf dem Weltmarkt tätig ist, der die Menschenrechte und auch die Rechte aller Religionen achtet, der bei allen Skandalen demokratisch regiert wird und von dem sich einige Staaten eine Scheibe abschneiden könnten. Man muss beispielsweise lange nachdenken, um einen Staat zu finden, der einen ehemaligen Präsidenten wegen eines rechtlichen Vergehens in einem ordentlichen Verfahren zu einer Gefängnisstrafe verurteilte, die dieser auch tatsächlich absitzt. Falls Ihnen einer einfällt, bitte ich um Mitteilung.

Zugegeben, das waren Grundahnungen bezüglich Israels, die ich auch schon vor der Reise hatte. Im Zweifel ist das ein Problem des Reisens. Im Zweifel verstärkt die Begegnung mit einer fremden Kultur nur das Bild jener Kultur, das der Betreffende, dem diese Begegnung passiert, eh schon hatte. Für mich weckte die Begegnung mit Israel bei aller gefühlten Spannungen vor allem den Wunsch, wiederzukommen, denn eines sollte klar sein: Israel hat dem Reisenden Einiges zu bieten und ist höchst lebendig, in allen seinen Facetten, und das ist gut so.

Jerusalem