Roh & blutig

Schon mal einen Mann gesehen, der im ausgehöhlten Kadaver eines toten Pferdes schläft, um nicht zu erfrieren? - Wenn nicht, kommt hier die Gelegenheit. Und diese ist nur eine der vielen Szenen, mit denen der mexikanische Regiemagier Alejandro González Iñárritu in seinem neuen Film die Mägen seines Publikums strapaziert. Ob klaffende Wunden, aus denen Knochen hervorblitzen, Bärenklauen, die Haut zerfetzen oder Indianerpfeile, die Muskeln und Fleisch durchbohren: Die Kamera hält voll drauf und erspart uns nichts.

Erzählt wird die Geschichte eines unglaublichen Überlebenskampfes in der kanadischen Wildnis, die allerdings auf einer wahren Begebenheit basiert. Wohl auch deshalb bestand der Regisseur darauf, ausschließlich an Originalschauplätzen zu drehen. Ein Realismusanspruch, der sich für die Crew des kompromisslosen Meisters zur echten Zerreißprobe entwickelte. Über zwanzig Mitwirkende schieden während der strapaziösen Dreharbeiten aus dem Team, unter anderem gab es ein Zerwürfnis zwischen Iñárritu und seinem Produzenten Jim Skotchdopole, die gemeinsame Arbeit wurde kurzfristig beendet. Nichtsdestotrotz ist Iñárritu nach dem vierfachen Oscar-Abräumer „Birdman“ ein monumentales Meisterwerk gelungen, das ebenfalls stark nach Oscar riecht.

Basierend auf dem titelgebenden Roman von Michael Punke kommt die Erzählung im Gegensatz zu „Birdman“ dabei ziemlich klassisch daher: Ein Mann allein gegen die Wildnis, auf der Suche nach Rache - das ist der aufs Wesentlichste reduzierte Konflikt, den Iñárritu hier roh, blutig und fernab jeder Wildwestromantik in Szene setzt.

Anfang des 19. Jahrhunderts: In den unwirtlichen Wäldern Kanadas wird der Trapper Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) von einem Grizzly angegriffen und schwer verletzt. Als seine Gruppe ihn zum Sterben zurücklassen will, stellt sich sein Sohn Hawk (Forrest Goodluck) dazwischen und wird von einem der Männer, John Fitzgerald (widerlich: Tom Hardy), eiskalt erstochen. Die Gruppe zieht weiter und überlässt Glass ohne Waffen und Nahrung seinem Schicksal. Der versehrte Vater kennt fortan nur noch ein Ziel: Rache an Hawks Mörder. Doch der Weg zur vermeintlichen Erlösung ist weit, und in der Wildnis lauern unzählige Feinde und Gefahren.

Finstere Wälder, reißende Flüsse, dräuende Gebirgspanoramen - vor allem dank der überwältigenden Naturkulisse und der meisterhaften Kameraarbeit des schon für „Birdman“ und „Gravity“ Oscar-prämierten Emanuel Lubezki entfesselt Iñárritu einen ebenso brachialen wie poetischen Bilderrausch, der heftig an den Nerven zerrt und immer wieder den Atem stocken lässt.

Viel Gerede wird dabei nicht gemacht: Jeder Gedanke, jede Gefühlsregung (vor allem: Schmerz!) wird dafür an Leonardo DiCaprios Körper und Mimik quälend deutlich sicht- und mitfühlbar. Der von der Academy bislang geschmähte Star glänzt einmal mehr mit beeindruckender Präsenz und nahezu beängstigendem Körpereinsatz. Ob er für diese furiose One-Man-Show endlich den lange verdienten Oscar bekommt? Die Wetten laufen.

The Revenant - Der Rückkehrer

http://www.filmstarts.de/kritiken/182266.html