Scham überwinden

Die Frage nach dem Geschichtsbewusstsein von uns Deutschen, inwiefern es denn vorhanden und wie es beschaffen sei, ist so einfach und eindeutig nicht zu beantworten fürchte ich.

Geschichtsbewusstsein ist durchaus da. Aber auf was gründet es? Durch was und wen wurde es gespeist? Dazu kommt wohl auch eine tief sitzende Scham, die oft zu einer seltsam gespaltenen und widersprüchlich anmutenden Haltung führt. Und zwar in erster Linie bei denen, die vielleicht kein rechtslastiges Bios fahren, aber dazu neigen durch mediale Panikmache entsprechend unreflektiert konservativ zu reagieren. Es sind nicht wenige darunter, die die Nazis noch immer wie eine von Außen eingefallene Horde sehen, die die Deutschen damals so quasi gekidnappt hat. Die und wir. Die Täter, und wir, die Opfer. Ja, auch wir Deutsche waren schließlich Opfer! Nicht die Deutschen waren Nazis. Die Nazis waren Nazis! Die Wehrmacht bestand aus anständigen Soldaten, die nur ihrer Pflicht für's Vateland nachkamen. Und die SS, das waren die Bösen.

Tja, schön wäre es, aber so leicht ist es halt leider nicht. Die Beteiligung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen ist lange bekannt und belegt. Und man musste kein Parteifunktionär sein, um nicht trotzdem glühender Nazi sein zu können. Die Masse damals war sicher ähnlich beeinflussbar wie der durchschnittliche Deutsche heute. Das lässt sich derzeit wieder gut beobachten und ich bin ganz sicher auch nicht völlig immun dagegen. Ich möchte die damaligen Menschen nicht groß in Schutz nehmen hier, aber immerhin vermochten die in der Geschichte wenigstens noch nicht auf eine ähnliche Katastrophe zurückzublicken, so wie wir das heutzutage können, was die Haltung vieler Nachkriegs-Deutscher, nachvollziehbare Scham hin oder her, umso unverständlicher für mich macht. Emotionen wiegen schwerer als Rationales, wie schon andernorts von mir unterstellt. Irgendwie bekommen es erschreckend Viele hin, sich rasch der Verantwortung zu entziehen, indem sie vorschnell in den Angriffsmodus wechseln. Und dabei ginge es gar nicht um Schuld. Es geht um die höchst ehrenvolle und notwendige Verpflichtung, die wir als (noch) unschuldige Nachkommen haben: Uns nicht abzuwenden, Lehren zu ziehen und gutzumachen, was nur irgend geht.

Doch stattdessen reagieren wir vorwiegend mit Trotz. Was können wir schon für die Untaten unserer Großeltern und Urgroßeltern? Oder der Nazis? Haben viele unserer Vorfahren nicht ebenfalls schrecklich leiden müssen? Außerdem ist es so lange her. Immer dieser alte Scheiß. Überhaupt war Hitler ja Österreicher…!

Man fühlt sich als Deutscher schnell angegriffen, wenn vom Ausland oder verantwortungbewussteren Einheimischen der II. Weltkrieg ungeschönt auf's Tablett gelegt wird. Die Haut ist hier ziemlich dünn. Man kann es nicht mehr hören, weil selbst hat man sich ja schließlich nichts zu Schulden kommen lassen. Dann ist es auch nicht mehr weit hin zur revisionistischen Trotzhaltung, die recht schnell in so einen seltsamen, mit Nationalismen liebäugelnden, Stolz mündet. Es wird sich abgeschottet so scheint mir und hinter diesem Stolz verschanzt, der die Tugenden und Errungenschaften der eigenen Nation hochhält. Wenn man unter sich bleibt, die anderen ignoriert und sogar herabwertet, was Stolz ja immer mit "den anderen" macht, dann wiegt die Scham gleich nicht mehr so schwer und die Chance eine große, ehrenvolle Verantwortung anzunehmen, ist damit dahin. Kognitive Dissonanz allenthalben.

Der Asylant als potentieller Schmarotzer und Schwerverbrecher. Der von Israel oder generell "den Juden" gesteuerte Amerikaner als ultimativer Kriegstreiber, der sogar so etwas wie Konzentrationslager betreibt. Und nicht zuletzt der Köpfe abschneidende und Frauen unterdrückende und vergewaltigende Moslem. Gut, dass wir nicht so sind. Sollen die sich erstmal zu ihrer eigenen Schande bekennen. Tja, von sich abzulenken ist einfach geworden, dank fragwürdiger Politiker überall und einiger verkommener Artgenossen, die den Rest von ihnen und uns möglichst vollständig repräsentieren sollen. Wie praktisch. Aber ich bin ein wenig vom Wege abgekommen.

Geschichtsbewusstsein. Da gibt es mindestens drei Lager. Das linke, das rechte und das diffuse schizophrene breite Spektrum in der Mitte. Wir haben im Wesentlichen nicht gelernt, dass im Annehmen dieser Verantwortung wahre Größe und Ehre liegen, genug Anlass für wohlverdienten Stolz. Wenn man in der Wertschätzung anderer ganz unten ist, liegt doch gerade darin eine besondere Chance und ein großer Reiz die Herausforderung anzunemen die Herzen zu erobern. Aber stattdessen zeigt man lieber beleidigte Großkotzigkeit, bestätigt Vorurteile und sonnt sich in der Mickrigkeit reaktionärer Reflexe.

Geschichtsbewusstsein muss den eigenen Schamfilter erstmal unbeschadet überwinden, bevor es so gennant werden kann, fürchte ich. Sonst bleibt es eher mit Fakten garnierte Fiktion. Und das ist die Nazizeit in den meisten Köpfen nach wie vor. Wir Deutsche sind in der Mehrheit furchtbare Weicheier, wenn es um die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte geht. Und hieraus begründet sich wohl auch ein Teil unseres großkotzigen Trotzes gegenüber den Problemen dieser Tage.

Flüchtlingsdebatte

http://www.welt.de/politik/deutschland/article151900586/Jeder-Vierte-wuerde-auf-Fluechtlinge-schiessen-lassen.html

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