Schrecklich-schönes Wunderland

In meinem Freundeskreis hat der Kiez einen miesen Ruf. Die meisten gehen nicht gern mit mir dahin. Lieber Schanze, da ist es alternativ und trotzdem irgendwie sauber. Aber Pauli? Bitte nicht, sagen sie. Viel zu anstrengend. Nur Dreck, Krach, Suff, Laster, Kotze und kein Niveau, wohin man blickt. Haufenweise Junggesellenabschiede und Kegelclubs vom Dorf (wo wir ja letztlich auch alle hergekommen sind), die sich hier aufs Peinlichste amüsieren wollen. Bis der Arzt kommt. Oder die Polizei.
Ja ja, stimmt schon alles, aber trotzdem möchte ich mal eine Lanze brechen für den Kiez. Denn ich liebe den Kiez, und zwar so, wie Henry Miller Paris geliebt hat, gemischt mit ein bisschen Ekel, aber doch von Herzen.
Wenn man allerdings kein Peniskostüm trägt und/ oder 3 Promille auf der Lampe hat, sollte man schon wissen, wo man einkehrt, um eine rauschende, aber stilvolle Nacht dort zu verbringen. Ich habe da inzwischen so meine Oasen gefunden. Das „20 Flight Rock“ zum Beispiel, eine gemütliche, kleine Rockabilly-Bar am Hans Albers Platz und sozusagen mein Kiez-Wohnzimmer - obwohl ich mit Rockabilly eigentlich gar nichts am Hut habe. Aber das ist eine andere Geschichte, die in einem anderen Comment erzählt werden soll. Oder die „Cobra Bar“ gleich daneben. Alternative Musik, Tanzfläche, Kicker, entspanntes Publikum und eine fiese, große Schlange, die dich von der Theke aus beobachtet. Es gibt noch einige Locations mehr, die ich hier gelegentlich heimsuche, und eigentlich verdient jede von ihnen ihren eigenen Comment, den sie auch irgendwann bekommt, versprochen. Aber eine echte Entdeckung für einen ehemaligen Vorstadtpunk wie mich war auf jeden Fall der legendäre „Onkel Otto“, für den das Wort Underground schon fast ein bisschen untertrieben erscheint. Nicht weniger legendär, für mich aber noch eine Neuentdeckung, ist Rocko Schamonis verrücktes Hexenhäuschen namens „Golden Pudel“ - einst wohl Treffpunkt Nr. 1 der sogenannten Hamburger Schule. Als ich dort letztens dank meiner immer gut informierten Freundin Alice unverhofft an Land gespült wurde, war es schon hell und es lief Elektronisches, wir hatten kein Geld mehr für den Eintritt. Noch während wir uns gegenseitig darüber informierten, tauchte aus dem Inneren irgendein uns unbekannter Mensch auf, warf zehn Euro in Eurostücken neben die Kasse und rief uns freundlich zu: „Egal, kommt rein!“ (Diese Person war danach sofort verschwunden, und wir haben sie auch später nicht wieder gesehen!) Nicht die einzige skurrile Begegnung in dieser Nacht, die traditionell bei Kaffee, Fischbrötchen und strahlendem Sonnenschein auf dem Fischmarkt enden sollte.
Diese ist natürlich nur eine der Routen, die man nehmen kann, wenn man eine schöne Nacht auf dem Kiez verbringen will. Es gibt noch viele mehr, und jeder muss wohl seine eigene finden - oder am besten ein paar verschiedene, aus denen man je nach Stimmung und Begleitung die passende auswählen kann, so mache ich es jedenfalls.
Ja, eine Nacht auf dem Kiez ist meistens hart, aber gerecht. Skandale nicht ausgeschlossen, Langeweile schon. Das lustige, irrwitzige und auch mal grenzwertige Abenteuer lauert hier an jeder Ecke, die Geschichten liegen buchstäblich auf der Straße und müssen nur noch aufgesammelt werden. Man kann sich ja hinterher die Hände waschen. Ein schrecklich-schönes Wunderland, gerade für Schriftsteller und Streuner, was ich ja beides irgendwie bin.

St. Pauli