Sex, Mythos & Markt

Hurra, wenn das mal kein feministischer Fortschritt ist: Let your vagina control the world! Na ja, jedenfalls deine kleine Welt, in Form deines Smartphones. Beziehungsweise kannst du diesen Controller Dildo immerhin dazu nutzen, um ein paar Games damit zu zocken. Whatever.
Ich finde jedenfalls, es gibt sehr viel dümmere und überflüssigere elektronische Spielsachen, egal, was genau frau jetzt mit diesem SKEA-Ding auf ihrem Smartphone machen kann.
Beckenbodentraining ist grundsätzlich empfehlenswert, nicht nur nach Schwangerschaften. Es sorgt nämlich dafür, dass Frauen ein Bewusstsein für ihren Körper entwickeln und dafür, wie er funktioniert. Bei vielen ist das leider nötig, weil weibliche Sexualität im öffentlichen, aber auch im privaten Diskurs immer noch stark tabuisiert und mit Vorurteilen belegt ist.
Aus diesem Grund sind Produkte und Angebote, die weibliche Sexualität ansprechen, immer noch stark unterrepräsentiert: Schätzungsweise 99,8 % der verfügbaren Pornos sind für ein männliches Publikum konzipiert und werden entsprechend hauptsächlich von Männern konsumiert. Man behauptet in diesem Kontext gerne, Frauen könnten erotischen Filmen „naturgemäß“ nichts abgewinnen bzw. bräuchten so etwas als „nicht-so-sexuelle Wesen“ eben einfach nicht.
Gegenthese: Das Angebot regelt die Nachfrage, und da das Angebot an gutaussehenden, männlichen Pornodarstellern (hetero) und weniger auf Silikonbrüste fokussierten Drehbüchern nun mal äußerst begrenzt ist, haben viele heterosexuelle Frauen halt nicht so viel Bock auf Pornos wie ihre männlichen Partner. (Frauen, die das anders sehen und sich tatsächlich als naturgemäß an Erotik und erotischen Filmen nicht interessiert erachten, mögen mich gern per Re-Comment korrigieren.)
Ich meine, liebe anscheinend kreativ und kapitalistisch blockierte Pornoproduzent*innen: Was würde wohl passieren, wenn Ihr mal das Risiko eingehen und z.B. einen etwas expliziteren „Shades of Grey“ mit attraktiven Darsteller*innen drehen würdet, das Filmchen ins Netz stellt und an passender Stelle ein bisschen Werbung macht – glaubt Ihr wirklich, da klickt keine drauf, aus Desinteresse und / oder moralischen Gründen?
Ein anderes Beispiel für dieses m. E. systembedingte Problem von nicht vorhandenem Angebot und entsprechend nicht vorhandener Nachfrage ist der (von mir allerdings nur mit dürftigen Netzinfos belegbare) Umstand, dass es anscheinend auf der ganzen Welt keinen einziges Bordell für Frauen gibt. Dafür findet man im allgemeinen Diskurs meist folgende Begründungen: 1. Frauen (homo- wie heterosexuell) haben nicht oder nicht so viel Interesse an Sex, dass sie dafür bezahlen würden und / oder sie sind „naturgemäß“ zu moralisch dafür. 2. Jede Frau kann sich doch in jeder Bar innerhalb von wenigen Minuten irgendjemanden zum Vögeln aufreißen. (Ähem, ja, genau. Das kann und will natürlich auch jede.)
Die oben genannten patriarchalischen Mythen über nicht oder nur geringfügig vorhandene sexuelle Bedürfnisse von Frauen, ihre moralischen Dispositionen usw. sind nicht nur archaisch und falsch verallgemeinert, sie sind auch äußerst unwirtschaftlich gedacht. Eine riesige Zielgruppe liegt ökonomisch gesehen brach, nur weil man sich schlicht weigert, mit diesem in unserer Gesellschaft so fest verankerten Klischee der Frau als nicht- oder nur passiv sexuellem Wesen aufzuräumen und herauszufinden, was Frauen wirklich wollen und brauchen könnten – und damit eben in letzter Konsequenz auch kaufen, und zwar zum eigenen Vergnügen, nicht nur, um eine Partnerschaft zu stabilisieren. Wie zum Beispiel ja vielleicht diesen per Crowdfunding (!) finanzierten Controller Dildo.

Controller Dildo

https://www.kickstarter.com/projects/2091647642/skea-smart-kegel-exercise-aid