Sind Grammar Nazis unsympathische Arschlöcher?

Hallo, mein Name ist Juliane und ich bessere wahnsinnig gerne Fehler aus. Und abgesehen davon, dass ich mich gerne klischeehafter Wendungen wie der klassischen Selbsthilfegruppe-Begrüßung bediene, bin ich eine Verfechterin des stimmig geschriebenen Texts ohne Stilfehler, mit korrekter Orthographie nach der aktuellen Rechtschreibreform, richtig gesetzten Satzzeichen und formvollendeter Grammatik. Wenn möglich, sollte der Text dann auch noch typographisch korrekt und ansprechend formatiert sein und ich erlebe einen petite mort.
Klar, ich bin mir der unsympathischen Wirkung dessen sehr wohl bewusst. (Schöne Ansammlung von Doppel-S, übrigens.) Ich weiß, dass eine offizielle Reglementierung davon, wie man Worte schreibt, eigentlich irre ist. Ich weiß, dass die Hauptsache an einem geschriebenen Wort ist, dass man es versteht. Ich weiß, dass ein falscher Buchstabe dabei meistens kein Problem darstellt. Ich weiß auch, dass die Reformen der letzten 10 Jahre die Menschen nur verwirrten und viele seitdem akute Angstzustände bekommen, wenn sie ein ß oder ss schreiben sollen.

Dazu kommt, dass ich mich beileibe nicht als Perfektionistin bezeichnen kann. Meine Freunde kennen den panischen Ausdruck in meinen Augen, wenn sie unangemeldet vor meiner Haustür stehen und ich sie am liebsten 10 Minuten stehen lassen würde, um noch schnell aufzuräumen. Mein Freund kennt meine morgendlichen Suchaktionen, die mit einem Haufen aus Kleidung und einer fluchenden und verspäteten Frau enden, die halb angezogen und schwitzend aus dem Haus stürzt. Meine Arbeitskollegin hat sich daran gewöhnt, dass sie mich morgens erst mal auf Make-up-Flecken und Zahnpasta auf dem Shirt überprüfen muss.

Aber ich habe trotz aller Unordentlichkeit und Verplantheit dieses eine Gen, das mir meine Nackenhaare aufstellt, wenn ich "Rythmus" lese. Ich muss kurz innehalten und tief durchatmen, als würden mir schlimme Schmerzen zugefügt, wenn jemand einen das/dass-Fehler macht. Und mir platzt fast die Hauptschlagader, wenn Marteria rappt "Wir leben auf einem blauen Planet" (Der in Lektorenkreisen durchaus umstrittene Bastian Sick nennt dieses Phänomen übrigens "Kasus Verschwindibus").

Ja, ich gebe es zu. Ich bin ein Grammar Nazi.
Gerne würde ich behaupten, ich wäre nicht immer so gewesen, sondern hätte mich erst nach schlimmen orthographischen Schicksalsschlägen zu diesem griesgrämigen Rechtschreib-Arschloch entwickelt, aber es ist einfach nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist, ich war eben immer schon so, seit ich lesen und schreiben kann. Meine Familie quittiert dies seit meiner Kindheit mit einem bloßen Augenrollen.

Das große Problem an dem ganzen Konstrukt ist folgendes: Wie alle anderen nervigen Grammar Nazis mache ich selbst Fehler. Ich habe ganz furchtbare Lücken, die ähnlich einer Links-Rechts-Schwäche einfach nicht auszumerzen sind. Ich muss bei dem Wort "reparieren" immer wieder nachdenken, ob es nicht "reperieren" heißt. (Gerade habe ich kurz nachgegoogelt, nur für den Fall.) Ich habe etwa 1000 Mal "theorethisch" geschrieben, bevor mir auffiel, dass die Augenkrebs verursachende gezackte rote Linie diesmal kein Wort anzeigt, das die Rechtschreibprüfung bloß nicht kennt. Und ich habe VERDAMMT lange geglaubt, es hieße "Nervösität".
Nichts, NICHTS schmerzt mehr als das. Die einzige Lösung ist daher, mich zurückzuhalten und meinen Rechtschreibrassismus nur nicht zu sehr an die große Glocke zu hängen, damit mich auch niemand kalt bei einem krassen Rechtschreibfehler erwischen kann. Wie bei einem entfleuchten Darmwind versuche ich, meine eigenen Unzulänglichkeiten mit einem verwunderten Umsehen nach dem "Täter" zu überspielen und ignoriere im Gegenzug die Verdauungsgeräusche von Anwesenden, als hätte ich sie nicht bemerkt. Ich sehe milde lächelnd über Fehler hinweg, weise niemanden auf ein Deppenleerzeichen hin, wenn er mich nicht explizit nach meiner Meinung fragt und beiße die Zähne zusammen.
Der große Unterschied zwischen Grammar Nazis und Leuten, denen egal ist, wenn sie einen Fehler machen, ist, dass sie nach der Lektüre dieses Textes nun schmunzelnd weiterscrollen oder verärgert wegklicken können. Bei mir ist es jetzt nachts und ICH werde etwa die nächsten zwei bis drei Stunden damit verbringen, den Text Wort für Wort auseinander zu nehmen, umzuschreiben, zu korrigieren, Absätze einzufügen, auf die panische Suche nach doppelten Leerzeichen zu gehen und in einem gewissen Stadium an den Punkt kommen, wo ich „Orthographie“ in das kleine Suchfenster bei Google eintippe. Nur für den Fall.

Grammar Nazi