Unsere Datenschutzrichtlinien haben sich geändert. Die aktuelle Version finden Sie hier

We have updated our privacy terms. Please review the current version here

Diese Website nutzt Cookies um Inhalte zu personalisieren, Zugriffe zu analysieren und Dir ein optimales Nutzungserlebnis zu ermöglichen. mehr erfahren

This website uses cookies to personalize contents, track site usage and ensure you get the best experience on our website. learn more

Soll ich mich schämen, weil ich auf Problembücher stehe?

Ich hab als Kind unter anderem meine Bücher in der Schulbibliothek der Volksschule ausgeliehen. Eines Tages faszinierte mich ein Buch ganz besonders und ich brachte es sofort zum Ausleiheschalter. Der Direktor der Schule, der gleichzeitig der Bibliothekar war, war nicht besonders begeistert davon, dass ich als 9-Jährige ein Buch mit der Altersempfehlung „ab 14“ auslieh. Ich setzte mich jedoch durch, denn alleine die Inhaltsangabe ließ mich vor Aufregung erbeben: Ein 15-jähriges Mädchen verliert bei einem Unfall ein Bein und muss jetzt mit den Folgen der Amputation leben.

Es ist ja so: Fast jeder Mensch hat diese kleinen geheimen Vorlieben. Nichts, was meine selige Ehgartner-Oma als verwerflich empfinden würde, nichts, was moralisch nicht vertretbar oder gar kriminell wäre, aber doch schlicht und einfach ein wenig peinlich.
Eines meiner guilty pleasures sind die sogenannten „Problembücher“: Bücher, vornehmlich an Jugendliche gerichtet, in denen die Hauptperson (irgendwie zu 90 % ein Mädchen) plötzlich oder schleichend mit einem handfesten Problem konfrontiert ist und dieses irgendwie meistern muss. Meistens betrifft es psychische Ausnahmesituationen, eine Gewalttat, einen Unfall, Mobbing, Sekten, Drogen, Essstörungen und andere Krankheiten. Oder eben die Beinamputation eines 15-jährigen Mädchens namens Andrea.

Das ganze Genre umfasst aber mehr als Geschichten wie jene über Nora, die eine Angststörung entwickelt („Verrückt vor Angst“), Franka, die vergewaltigt wurde („Vergewaltigt“), Delia, die Magersucht hat (und, ach!, auch noch Ballett tanzt: „Tanz aus der Reihe“) und Heleen, die Leukämie hat („160 Tage: Diagnose Leukämie“). Manchmal sind die oberflächlich angeritzten (übrigens: „Schmerzverliebt“) Problemthemen aber in eine Rahmenhandlung eingebettet, die ein allumfassenderes und schier unlösbares Problem darstellt, nicht nur für die Hauptperson, sondern oftmals für die gesamte Umgebung. Da spreche ich von Geschichten über Mädchen, die in einer Sekte aufwachsen, von ihren strenggläubigen Eltern verheiratet und in ein anderes Land geschickt werden oder auf den schmutzigen Straßen von Neu-Delhi “wohnen”.

Egal, ob es um Problembücher geht, die sich mit Krankheit/Unfall/plötzlicher Schicksalsschlag beschäftigen oder um für die Protagonistinnen längerfristige Problemthemen wie Sekten/Armut/Unterschicht:
Minuten nach dem sattgelesenen Gefühl, das sich beim zufriedenen Zuschlagen des Buchs einstellt, passiert es, dass man sich die Frage stellt, wieso einen die Behandlung solcher Themen überhaupt so fasziniert. Wieso ist die Geschichte des Mädchens, das vom eigenen Onkel missbraucht wurde, etwas, das ich mir freiwillig zu Gemüte führe und noch dazu „gerne“? Man könnte ja meinen, etwas stimmt nicht mit mir. Erst beim Blick auf das Cover solcher Bücher wird einem etwas klar: Es geht gar nicht um das Problem selbst. Es wird nämlich oft schon im Buchtitel vorweggenommen und das gerne auf ganz typische Weise mit einem Untertitel („Ich spür mich nicht. Elinas Leben mit Borderline“). Es geht nicht darum, was genau oder wie es passiert. In einem Krimi geht man ja schließlich auch davon aus, dass irgendwann ein Mord passiert und ist im Normalfall ja auch nicht geil darauf, den Mord in all seinen Facetten ganz genau beschrieben zu bekommen. Tatsächlich dreht sich das Ganze meist darum, wie das Leben trotzdem stattfindet, wie sie zur Schule geht, schläft, trinkt und isst (oder auch nicht: „Luft zum Frühstück“) und klassische Familienprobleme meistert. Irgendwann zerbröselt der Alltag meist und das Problem nimmt überhand. Manchmal passiert es auch umgekehrt und ein plötzliches Geschehnis sorgt dafür, dass der Alltag nicht langsam zerbröselt, sondern in einem Schlag zersplittert.

Die Geschichte, wie so ein Problem überhaupt erst entsteht, wieso das Mädchen damit konfrontiert wird, wie das Problem später verkleinert und manchmal sogar fast ausgelöscht wird, ist eine spannende und sie erzählt uns mehr vom Leben als Jugendliche und den Alltag, als sie über psychische Krankheiten oder Mobbing erzählt. Verglichen mit den verschiedenen Formen des Kriminalromans haben wir hier also kein „Whodunnit“, sondern eher ein „Howcatchem“ oder „Whathappened“.
In diesem Sinne und an dieser Stelle ein Gruß an jene, die auch im Erwachsenenalter noch mein guilty pleasure teilen: Ihr seid nicht komisch oder kindisch, ihr interessiert euch nur für das Leben und habt vielleicht noch einen sehr guten Draht zu eurem 15-jährigen Ich, das sich mit diesen Coming-of-Age-Themen identifizieren kann.
Und an jene, die von diesem Genre noch nie gehört haben und nicht verstehen können, wie man sich als Erwachsene noch ernsthaft mit dieser Art von Jugendliteratur beschäftigen kann: Nein, wir sind nicht verrückt.

Literarische guilty pleasures