Soziales Netzwerk Facebook: ach ja?

Mit dem (Jugend-)Wort des Jahres ist es ein bisschen wie mit der Zeitumstellung. Entweder man erfährt es ein oder zwei Tage vorher oder auch erst danach, aber so richtig interessieren tut es einen dann auch wieder nicht. Das Unwort des Jahres ist hingegen schon interessanter denn hier geht es darum, einen die Gesamtgesellschaft betreffenden Begriff in seiner Fragwürdigkeit herauszustellen und ein Bewußtsein für dessen Verwendung im allgemeinen Sprachgebrauch zu vermitteln.

Das Angebot an Anwärtern scheint dieses Jahr besonders breit zu sein. Das Gespenst der Lügenpresse, Islamisierung, Gutmensch, besorgter Bürger, Pegida, Dügida, HoGeSa und ähnliche bekloppte Wortschöpfungen drängen sich regelrecht auf. Hier lässt sich aus dem Vollen schöpfen.

Persönlich halte ich die Betrachtung des Begriffes „soziales Netzwerk“ insbesondere für das weltweit vermutlich größte Netzwerk Facebook für interessant. Was musste und muß man nicht für brechreizerzeugende Hasstiraden und Hetzparolen menschenverachtendster Art, die zumindest nach deutschem Recht vielfachst einen Straftatbestand erfüll(t)en, ungefiltert auf sich einwirken lassen.
Kein Wunder, daß volksverhetzende und zu Mord und Totschlag aufrufende Postings zumindest von den deutschen Behörden strafrechtlich mittlerweile verstärkt verfolgt werden und persönliche und berufliche Konsequenzen für jene Urheber/Innen dank aufmerksamer Mitbürger/Innen mit gesundem Menschenverstand zu recht zu befürchten sind.
Facebook lehnte Forderungen zur Löschung solcher Inhalte ab und zeigte sich mit Verweis auf die heilige Kuh der freien Meinungsäußerung auch von Aufforderungen durch höchste politische Ämter unbeeindruckt. Wie schwierig es ist, z.B. US-Bürgern oder Menschen im übrigen nicht-europäischen Ausland die deutschen Rechtsverhältnisse bezüglich der nationalsozialistischen Vergangenheit zu erklären und deren Sinn begreiflich zu machen, mag der/die ein oder andere aus eigener Erfahrung wissen. Faschismus und Rassismus sind eben keine Meinungen, sondern werden auch ganz real umgesetzt. In real life und auf die Straße transportiert äußern sich diese in tätlichen Angriffen auf andersdenkende, die sogenannten Gutmenschen, Flüchtlinge und Journalisten. Wer würde denn schon brennende Flüchtlingsunterkünfte als soziales Happening bezeichnen? Womöglich werden bald noch Bücherverbrennungen wie Schützenfeste gefeiert? Ein soziales Netzwerk sollte sich dementsprechend in der Pflicht sehen und in der Lage sein, soziale Verhältnisse durch Unterbindung, nennt es von mir aus auch Zensur, zu schaffen und nicht ein Plenum zur Organisierung radikaler und gewalttätiger Gruppierungen bereitzustellen und den Nährboden zur Indoktrinierung und zur Verbreitung nationalsozialistischen Gedankengutes zu schaffen. Rassistisches Denken ist zwar längst mitten in der Gesellschaft angekommen, spiegelt aber sicher nicht die Haltung und das Denken der breiten Masse oder des Volkes, was eben diese Gruppierungen dreisterweise für sich beanspruchen zu sein, wieder.
Facebook wirkt keinesfalls gemeinnützig und schneidert sich zumindest in Deutschland die Rolle eines asozialen Hetzwerkes auf den Leib. Es sollte sich vielleicht einmal die Mühe zur Überprüfung der Diskrepanz zwischen freier Meinungsäußerung und dem Wert der Demokratie, die für die USA ebenso wichtig ist und aufgrund derer letztlich auch gewisse Rechtsverhältnisse herrschen, gemacht werden.

Gut, daß Netzwerke wie whicee.com dem sozialen Aspekt durch Contentmanagement Rechnung tragen, aber wenn ich den Begriff soziales Netzwerk höre, muß ich unweigerlich an Facebook als Prototyp für den digitalen (Meinungs-)Austausch denken.

MEIN (UN-)WORT DES JAHRES

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/facebook-ermittlungen-wegen-verdachts-auf-volksverhetzung-gegen-manager-a-1058444.html