Staffel 2: Ein nüchternes Update (spoilerfrei)

+++ Entwarnung: Falls jemand sterben sollte, werde ich es nicht verraten! +++

Die Erwartung.
Natürlich konnte ich nicht auf die deutsche Ausstrahlung warten. Heute Nacht habe ich also die letzte Folge True Detective hinter mich gebracht (legaaal, versteht sich) und muss leider sagen: Ich hab mir echt Mühe gegeben, nicht enttäuscht zu sein. Meine Erwartungen waren aber auch fatal hoch.

Obwohl ich eigentlich kein Serienfreak bin, habe ich, wie die meisten anderen auch, die 1. Staffel extrem gefeiert, genau aus den von Doc Nachtstrom bestens zusammengefassten Gründen. Jedem, der es hören wollte oder auch nicht, habe ich diese Serie nachdrücklich aufgedrängt.
Das Setting, die Erzählung, die Darsteller, die Optik, die tausenden von Anspielungen auf Sachen, die ich liebe, und vor allem die ausgefeilten, vielschichtigen Charaktere. Besser konnte man 's nicht machen. Und ich fand sogar das allenthalben verteufelte Ende gut. Weil es, genau wie mein Vor-Commenter sagt, einfach konsequent war. (Und weil ich eine alte Mystikerin bin. Egal.)

Ich gebe zu, ich habe eine Schlippe gezogen, als ich vor einiger Zeit las, dass ausgerechnet Colin Farrell und Vince Vaughn die (bzw. zwei der insgesamt vier) Hauptrollen übernehmen. Weil ich mit den beiden nie viel anfangen konnte, warum auch immer. Aber das Problem hatte ich mit Matthew McConaughey vor der 1. Staffel auch, von daher hatte ich auf einen ähnlichen Effekt gehofft.

Die Enttäuschung.
Die ist nicht total, aber doch ziemlich groß. Auf einer Enttäuschungsskala von 1-10 liegen wir bei 7-8, würde ich sagen.

Aber fangen wir mal von vorne an mit dem voll subjektiven Enttäuschungspamphlet.

Der Vorspann.
Ich weiß, man sollte das nicht zugeben, aber ich finde Leonard Cohen schrecklich. Von daher sagte mir der Vorspann schon mal weniger zu als der von Staffel 1. Das sollte allerdings nun echt kein Kriterium sein.

Das Szenario.
Kalifornien, okay. Kommt von der dunkelsumpfigen Atmosphäre her an den Schauplatz der 1. Staffel nicht heran. In manchen Szenen fühlte ich mich unangenehm an „Sons of Anarchy“ erinnert. Lousiana, das Serienschöpfer Pizzolato einen „verrottenden Garten Eden“ nannte, war auf jeden Fall die deutlich ergiebigere Projektionsfläche für diese Art von Story. Dem California-Setting fehlt dagegen irgendwie das düstere Geheimnis, auch wenn die Macher sich große Mühe geben, ausschließlich die hässlichen und verdorbenen Seiten der Region zu zeigen (trostlose Industriegebiete, lasterhafte Clubs, orgienverwüstete Villen inkl. Swimmingpool mit drin herum treibender Leiche usw.).

Die Erzählung.
Was die 1. Staffel qualitativ von vielen anderen Serien abgehoben hat, war die raffinierte Verschachtelung von Erzählsträngen und Zeitebenen. In der 2. Staffel hat man auf diese Komplexität einfach mal komplett verzichtet, was die Handlung insgesamt konventioneller und überraschungsärmer macht. Der Fall selbst ist im Gegensatz zur 1. Staffel profan, von Mystik und Metaphysik keine ernsthaften Spuren mehr.

Die Charaktere.
Staffel 1 wurde vor allem für ihre grandiose Figurenentwicklung gefeiert. Auch in der 2. Staffel hat man sich große Mühe gegeben, abgründige Charaktere mit dunklen Geheimnissen zu zeichnen.
Die insgesamt vier Hauptfiguren triefen nur so vor vergangenheitsbedingter Darkness, kaum unterdrückten Aggressionen und Fertigkeit. Manche Szenen, die das zeigen sollen, sind allerdings schon etwas drüber, z.B. wenn Colin Farrell sich im Zeitraffer alleine in seiner Bude ca. ein Pfund Koks reinzieht. Oder wenn Rachel McAdams sich demonstrativ beim Messer-Workout stählt, während ihre Schwester daneben sitzt und über ihre augenscheinliche Toughness psychologisiert.
Überhaupt: Wie oft man die Figuren über ihren eigenen oder den moralischen Verfallszustand der anderen („You 're (not) a bad man...“) reflektieren hört, sollte mal jemand zählen.

Die Darsteller.
Der McConaughey-Effekt ist in Staffel 2 in allen Fällen ausgeblieben. Am nächsten ran kommt noch Rachel McAdams, die mit rausgewachsener Blondierung, viel „Fuck you, motherfuckers“ und einem Schuss Lisbeth Salander eine ziemlich gute Figur macht.
Gleiches gilt für Taylor Kitsch (^^). Dessen Charakter gibt die von allen interessanteste Figur ab, über deren Hintergrundgeschichte (Afghanistan-Krieg) man eigentlich viel zu wenig erfährt.
Matthew Vaughn macht mit gebügelter Plastikmiene ganz fiese Sachen, bei denen ich auch ständig an „Sons of Anarchy“ denken musste, und holt dabei wahrscheinlich alles aus sich heraus – ich weiß auch nicht, warum ich mit dem Typen nach wie vor nichts anfangen kann. Dasselbe gilt für Colin Farrell, der gut spielt aber irgendwie... Keine Ahnung. Irgendetwas fehlte.

Fazit.
Alles in allem fällt die 2. Staffel gegenüber der ersten leider deutlich ab. Es mangelt einfach an allem, was Doc Nachtstrom im Vor-Comment an Kultfaktoren herausgestellt hat. Von der ungesunden Spannung der 1. Staffel finden sich nur noch Spuren in dem nicht gerade innovativen Plot. Die Charaktere kranken daran, dass es einfach zu viele Hauptfiguren gibt, die nicht genug ausgeleuchtet werden und deren Traumata teils ein bisschen reißbrettartig wirken.
Was vom Mythos True Detective nach Staffel 2 übrig bleibt, ist solide TV-Krimi-Unterhaltung, nicht mehr und nicht weniger – aber davon gibt’s doch wirklich schon genug eigentlich. Wenn es eine dritte Staffel geben sollte, bitte wieder back to the roots.

True Detective