Staub und Mottenkugeln!

Okay, da muss ich natürlich mitmachen. Und wie Karin lasse ich Murnaus Nosferatu mal links liegen. Wobei ich den natürlich super finde. Aber da wage ich mich gerade nicht dran mit meiner Hauptschulsozialisation.
Zunächst mal ganz generell ein paar Worte zu dem, was mich an einem Vampirfilm erfreut, bzw. was ich von einem solchen erwarte. Da meine ersten Berührungen mit Blutsaugern vor dem TV stattfanden, wurden meine diesbezüglichen Erwartungen hier geprägt. Ein Vampirfilm muss für mich ein bisschen stauben und den Geruch von Mottenkugeln verströmen. Ich bin da altmodisch und sehe die Untoten zudem ganz gerne durch eine vom Katholizismus geregelte Welt marodieren, wo sie Gelegenheit haben, das Lüsterne und Böse aus den gottesfrommen Lämmern zu kitzeln und über sie zu triumphieren, ehe dann ein ausgemachter Experte nach dem Modell eines Van Helsing auf den Plan tritt und die alte Ordnung, was frommen Lebenswandel, intakte Doppelmoral und unterdrückte Lust angeht, wieder heldenhaft herstellt. Vampire funktionieren für mich halt am ehesten im christlichen Kontext. Dort, wo Lust und Hedonismus unter Strafe stehen und die Frömmigkeit eine scheinheilige Ablenkung von der grundsätzlichen Verkommenheit menschlichen Trachtens ist, da lässt es sich als Wiedergänger wunderbar herum fuhrwerken und manipulieren was das Zeug hält. Als Kind hatte ich echt Schiss bei Vampirfilmen und feierte die Auftritte Van Helsings und seiner Epigonen. Mit der Zeit verlagerten sich dann Dank Pubertät meine Sympathien etwartungsgemäß hin zur dunklen Seite der Macht, wobei ich nach wie vor den Sieg des sog. Guten am Schluss schätzte und schätze, weil ein Monster braucht nun mal einen dramatischen Abgang. Nur der wilde Tod macht bekanntlich legendär. Selbstmord wäre da wahrscheinlich auch keine Alternative. Allerdings ging damit ein durchaus wichtiges Element für mich baden: Furcht. Ist man auf der Seite des Vampirs, dann macht er einem eigentlich keine Angst mehr. Das vermisse ich heute ein wenig. Beim Horrorfilm generell. Also quasi den verschüttgegangenen Katholizismus, der diese Urangst vor dem grundsätzlich Bösen nährt. Aber ich habe immernoch Spaß an Vampirfilmen. Und jetzt meine lose und spontan zusammengetragene Top 5 mit jeweils kurzer Begründung:

5: „Nosferatu: Phantom der Nacht“
Ich stehe auf Werner Herzog. Ich mag die Bilder, die Stimmungen zusammen mit der Musik und ich mag Kinski, wobei der im echten Leben leider auch ein fieser Vampir war und ich mich heute hart tue mit meiner Bewunderung für ihn. Aber der Film mit seinen traumwandelnden Dialogen und Darstellern ist großartig. Und staubig!

Platz 4: „Vampyr - Der Traum des Allan Gray“
Stellvertretend für Murnaus frühen Vampir schicke ich Dreyers nur zehn Jahre später entstandenen Film (1932) ins Rennen. Ich liebe ihn. Man muss ihn gesehen haben. Früher Tonfilm hat eh schon so etwas Surreales, vor allem wenn Ton auch noch bewusst so eingesetzt wird. Wie soll man diesen Film nur beschreiben? Traumgeschehen. Wenn man nach einer Flasche transsilvanischen Absinth (gibt's sowas?) am Fuße eines Galgenhügels einschläft und von fernem abendlichen Glockenläuten schließlich sanft geweckt wird, dann hat man so etwas geträumt. Und ein paar zerstückelte Dorfbewohner liegen womöglich neben einem im Gras, aber das ist jetzt nicht wichtig. Dreyers Film ist reich an Einfällen und Experimenten. Er ist langsam, zieht die Schraube des Bedrohlichen kontinuierlich an und kommt mit Augenblicken daher, die einem die Kinnlade ins Parterre befehlen. Vielleicht ist das sogar mein (un)heimlicher Liebling? Bin mir nicht sicher. Jedenfalls staubt er gewaltig.

3: „Horror Of Dracula“
Der ist toll. Was soll ich groß schreiben? Chris Lee. Peter Cushing. Und in Farbe! Mal im Ernst. Das ist ein B-Movie und als solches muss es Abstriche und Zugeständnisse machen, aber Terence Fisher klöppelt aus dem stark gestrafften Stoff einfach einen tollen Reißer mit irrem Showdown. Und Herr Lee staubt am Ende vorbildlich.

2: „Tanz der Vampire“
Eine der wenigen geglückten Vampirfilm/Horrorfilm-Parodien, wie ich finde. Warum ist das so? Weil er auch als eigenständiger Beitrag zum Nackenbeißer-Genre funktioniert. Humor ist natürlich Geschmacksache. Ich bin ein altmodischer Typ und finde den schrulligen Humor vorzüglich, der vor allem funktioniert, weil auch Spannung vorhanden ist. Als junger Mensch fand ich den durchaus gruselig und damit die lustigen Momente zuweilen sehr erleichternd. Professor Abronsius ist eine Schau auf zwei Beinen und der titelgebende Tanz am Schluss Polanskis Meisterstück und größter Einfall. Tolle Sets, abgedrehte Momente und transsilvanisches Dorfleben mit Riesensalami auf die Mütz. Carl Spitzweg war glaube ich Ausstatter und Kameramann. Könnte mich täuschen. Pulverschnee lasse ich hier als Staub mal gelten. Arthouse meets Hammer. Ich liebe ihn.

1: „Die Stunde wenn Dracula kommt"
Okay, Dracula im deutschen Titel ist natürlich Etikettenschwindel. Den gibt es im gesamten Originalfilm nicht. Und im Grunde sind das auch gar keine Vampire. Jedoch wildert Bavas toller Erstling schon deutlich im zeitgenössischen Vampirfilm und will dadurch natürlich auf den Zug mit aufspringen, der damals so erfolgversprechend aus England in die Welt hinaus ratterte mit Cushing und Lee. Das sind halt Dämonen. Und irgendwie auch Vampire, so. Warum ich den so mag, darüber schwadronierte ich schon an anderer Stelle. Bava war ein großer Meister der Bilder und Stimmungen. Er wusste wie man's macht. Mich hat das Werk einst schwer traumatisiert. Deswegen liebe ich es heute so. Meterdicker Staub und Nebelteppiche bis unter die Decke. Amen!

Moderne Vampire finde ich meist zu sexy irgendwie.

Vampirfilme

https://youtu.be/BN7u0hb0W_g

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