Synchronisation und künstlerischer Wert

Es ist eine wirklich spannende Sache, dass die Übersetzung von Lyrik (die ja eindeutig zu den schwierigsten Übersetzungen überhaupt gehört) erst dann besonders gut gelungen ist, wenn die Übersetzung selbst durch Interpretation und künstlerische Bearbeitung einen Wert erhält.
Klar: Verwendet man Worte, ihren Klang, ihren Rhythmus, Metaphern und Wortbilder in künstlerischer Hinsicht, dann geht bei der Übersetzung in eine andere Sprache einiges davon völlig verloren. In einer direkten Übersetzung reimen sich Worte nicht, haben einen falschen Beigeschmack, einen anderen Rhythmus, eine andere Silbenanzahl ... Eine reine Übersetzung hat nicht denselben künstlerischen Wert wie das Original und kann den des Originals auch nicht vermitteln.

Meiner Meinung nach verhält es sich bei der Synchronisation (wohlgemerkt nicht der Übersetzung!) anders und die Argumentation, dass sie vergleichbar mit der Übersetzung sei, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar. Die Synchronisation ist in erster Linie ein Hilfsmittel, damit die Übersetzung der Dialoge und gesprochenen Texte auch beim Publikum ankommen kann und soll das Original möglichst gut abbilden. Würde ich einen Film oder eine Serie produzieren oder selbst eine der Darstellerinnen sein, dann würde es mich befremden, wenn die Synchronstimme der Figur einen anderen Anstrich gibt. Die Originalstimmen der Darsteller sind ein Teil ihrer Persönlichkeit und damit auch der Serie oder des Films selbst. Wird diese Eigenschaft durch schlechtes Schauspiel oder eine völlig andere Stimme verzerrt, bekommt die Figur einen ganz anderen Charakter und man hat (wie zum Beispiel bei J.D. oder Leonard Hofstadter) einen anderen Eindruck von ihr, verändert diese Tatsache etwas.
Bei Übersetzungen sind künstlerische Bearbeitungen aus den genannten Gründen oft notwendig, um den in einer knallharten Wort-für-Wort-Übersetzung fehlenden Wortwitz, den Schwung, Rhythmus und Eindruck beizubehalten. In einigen wenigen Fällen sind auch künstlerisch völlig freie Bearbeitungen positiv in die Geschichte eingegangen, wie zum Beispiel bei der Synchronisation der ersten Filme mit Bud Spencer und Terence Hill oder der Serie "Die Zwei". Ähnlich wie bei diesen freien Bearbeitungen in der Übersetzung kann eine besondere und dem Original nicht ähnliche Stimme in der Synchronisation durchaus einen künstlerischen Wert haben (Danneberg ist hierfür ein sehr gutes Beispiel und schon alleine deshalb, weil man schon an der Vielschichtigkeit "seiner" Charaktere merkt, was dieser Mann draufhat!), jedoch gelingt das definitiv sehr selten und bleibt dieser Mehrwert eines Synchronsprechers eine Ausnahme, die nur gelingt, wenn sie auch beabsichtigt ist.
Meistens zeigen "unpassende" Synchronstimmen jedoch keine besondere künstlerische Adaption und Interpretation, sondern stellen vielmehr einfach eine falsche Stimme für den Charakter dar, die ihn zu etwas verzerrt, das nicht nur nicht von den Machern der Serie nicht beabsichtigt war, sondern meines Erachtens auch von den Synchronsprechern, ihren Synchronregisseuren und Machern der Synchro gar nicht absichtlich so entschieden wurde. Dass J.D. in der deutschen Version einfach nur rührig-sentimental ist und keine Ironie in der Stimme erkennen lässt, wenn er seine Selbstgespräch-Monologe führt, war sicherlich so nicht beabsichtigt, sondern einfach nicht bedacht.

Auswahl der Synchronsprecher