The Joy of Pa(i)nting

Dass es bei „The Joy of Painting“ mit Bob Ross nicht um „große Kunst“ geht, braucht niemand mehr zu erwähnen; es geht natürlich um Therapie, darum, sich ein bisschen glücklicher zu malen; und sich oder einem nahe stehenden Geburtstagskind eine eigene kleine Welt an die Wand hängen zu können.
Was ich allerdings nie wirklich nachvollziehen konnte, ist seine angebliche Wirkung als „Schlaftablette“. Egal, wie entspannt das schrubbende Pinselgeräusch und sein gerauntes „there, there“ auch immer wirken mögen, die Entwicklung seiner Bilder bringt mein Herz immer zum Rasen – auch wenn ich weiß, dass da eigentlich vielleicht nur eine mehr oder weniger schöne Banalität entsteht. Aber die Dramatik des Prozesses berührt mich nicht minder als bei einem spannenden Film, dessen Künstlichkeit mir beim Konsum auch stets bewusst ist.
Mir hat das Verfolgen der Sendung (das ich wegen Dauerschlaflosigkeit schließlich einstellen musste) oft schrecklich-schönen Spaß gemacht, weil mir die Luft weg blieb. Was Bob im ersten Schritt auf die Leinwand zaubert, ist zunächst einfach nur irgendwie „hübsch“. Wenn es schon fast einfach und langweilig zu werden droht, verwischt er plötzliches aus seinem gern beschworenen „heiteren Himmel“ einen Großteil des sorgfältig meditativ angefertigten Werkes mit Hilfe riesiger schwarzer, weißer, brauner oder sonstwie-farbener Flächen, um gigantische Bäume, Berge, Seen oder eine Hütte in den Vordergrund, gerade vor die am schönsten gelungenen Büsche zu stellen. In solchen Momenten denke ich immer: „Nein! Was tut er?! Jetzt versaut er das schöne Bild!“ Doch Bob selbst lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und zaubert aus dem zerstörerischen Element wider Erwarten doch noch einen ansehnlichen neuen Landschaftsteil, so dass man wieder versöhnt ist. Wenn man das Bild erneut in Sicherheit wähnt, erdreistet Bob sich, völlig gelassen, das nächste Objekt zweifelhafter Ästhetik in die gerade erst erzeugte neue Harmonie einschlagen zu lassen. Und so geht es oft mehrfach weiter; ständig schwanke ich zwischen: „Nein!!!“ und „Ach so. Dann ist es ja gut!“ Bis am erlösenden Ende der Sendung ein insgesamt zufriedenstellender Kompromiss erreicht ist, der mit einem „Gut. Aber… Naja, gut.“ schließen kann. Insofern habe ich letztlich als entspannende Wirkung immerhin, aber auch höchstens, einen Katharsis-Effekt zu vermelden.
Von Bobs eigener Dauerentspanntheit lassen sich offensichtlich viele Menschen anstecken. Dass diese Entspanntheit aber im starken Kontrast zur ständigen Zerstörung und Wiederauferstehung seiner Bilder steht und dadurch die Dramatik der Entstehung der Bilder eigentlich bis aufs atemlose Äußerste verstärkt, scheint niemand zu bemerken…
In meinen Augen ist Bob Ross nicht nur ein Kunst-Therapeut, sondern ein verkannter großer Fernseh-Dramatiker, der sich blendend darauf versteht, nicht nur Bergkämme und Landschaftslinien, sondern vor allem auch Spannungskurven zu inszenieren.

Bob Ross

Focus online, zum 20. Todestag des TV-Kunstlehrers Bob Ross, Freitag, 03.07.2015, 12:15, http://www.focus.de/kultur/kino_tv/medien-20-todestag-des-tv-kunstlehrers-bob-ross_id_4793538.html