"The Wicker Man" (1973)

Es gibt so Filme. "Rosmary's Baby" zum Beispiel. "Der Mieter". Oder "Die letzten Amerikaner". Filme, die einen sprachlos zurücklassen. Mit einem Grinsen. Mit verstörtem Entsetzen. Mit einem verstört entsetzten Grinsen. Filme, die mit dem Zuschauer spielen, ihn an die Wand klatschen und dann mit einem rüden Tritt entlassen. "The Wicker Man" von Robin Hardy ist so ein Großod von einem Machwerk. Erzählt wird die Geschichte eines Sergeants, der auf eine schottische Insel kommt, um das Verschwinden eines Mädchens aufzuklären. Sofort stellt der pflichtbeflissene und fundamental christliche Gesetzeshüter jedoch fest, dass auf dieser Insel die Uhren völlig anders ticken. Denn die Bewohner haben mit Christentum etwa soviel am Hut wie entsprechende Politiker, die sich bei uns ein "C" im Parteikürzel leisten. Gewisse Dinge regelt man hier noch etwas archaischer, man bedient sich vorchristlicher Methoden, um etwa die Natur auf seine Seite zu kriegen, bzw. existentielle Bedrohungen aus der Welt zu schaffen. Wie zum Beispiel Missernten. Weil selbst der Heide will seine Roggensemmel zum Frühstück haben und auch seinen Getreidekaffee. Da wird schonmal eine Jungfrau "erhitzt", denn wie man weiß macht das den alten Göttern Laune, was eventuell den nächsten Ernteertrag wieder mehrt. Toi, toi, toi! Der tugendhafte Polizist, der auf der Insel festgesetzt wird, deutet die Zeichen schon bald richtig und doch steht er letztlich lebensbedrohlich auf dem Schlauch…

"The Wicker Man" ist niemals langweilig. Ähnlich wie zum Beispiel in "Rosmary's Baby" sind Witz und Skurrilität, die hier auch durch entsprechende hübsche Gesangs- und Tanzeinlagen befeuert werden, letzten Endes Transporteure und Wegbereiter des Grauens, die einem die Gänsehaut tüchtig aufsteigen lassen. Kaum etwas ist gruseliger, als mit Frohsinn und lustigem Singsang garniertes archaisches Brauchtum aus dunkelster Vorzeit. Und es zündet nicht nur das Konzept, die Ausführung ist exzellent und macht den Film unbedingt zu einem der besten Horrorfilme oder Okkult-Thriller der 70er Jahre.

Die Inszenierung kommt selbstbewusst locker und unbeschwert einfallsreich daher, niemals überhebt sie sich und vergeudet Zeit mit bemüht düsteren Versatzstücken aus der Klischeetruhe des Horrors. Alles wirkt frisch, selbst heute noch, jede Minute lohnt die Investition von Lebenszeit. Der Schalk beißt tüchtig zu und zerrt an den Kehlen der Zuschauer. Christopher Lee, hier mal mit entfesselter Frisur, gibt einen charmanten Teufelsbraten, der seinen Dracula fast alt aussehen lässt.

"The Wicker Man" ist kein Musical. Gesang und Tanz sind immanenter Teil des tatsächlichen Geschehens, aber natürlich auch gekonnt eingesetztes Stilmittel. Er fühlt sich nur manchmal wie eines an, denn Musikalisches wird reichlich geboten. Aber alles stimmig und häufig hübsch makaber im Kontext. Ein unvergessliches Erlebnis für Freunde klassischen Filmschaffens jenseits technischer "Totgebügeltheit" heutiger Industrieware. Edgar Wright hat sich mit seinem gleichfalls tollen "Hot Fuzz" tüchtig vor diesem Klassiker verneigt. Ich verneige mich ebenfalls. Ihr solltet das auch tun. Oder wenigstens mal 'nen Blick riskieren. ;)

Horrorfilm Klassiker

https://youtu.be/lqKYzRjhNPw