Titte weg, Kerl weg!

Seit 20 Jahren lebe ich im Ruhrgebiet, in Dortmund. Ich wollte nie hierher, bin sozusagen versehentlich im Pott hängengeblieben. Als Fischkopp aus dem hohen Norden lebte ich vorher im Tegernseer Tal, wohin es mich beruflich verschlagen hatte. In die Heimat der Stoibers und Seehofers, im Landkreis Miesbach – ein vielsagender Name. Oberbayern und das Tegernseer Tal sind schön, wenn man dort Urlaub macht und nach spätestens 14 Tagen wieder abreisen darf. Ansonsten ist es dort für jemanden, der auch im Schlaf noch akzentfreies Hochdeutsch spricht, sehr gewöhnungsbedürftig. Die Einheimischen verständigen sich mit Lauten, die akustisch irgendwo zwischen Grunzen, sich erbrechen und jenen Tönen angesiedelt sind, die Menschen mit Kehlkopfkrebs erzeugen. Die Oberbayern sind durchweg misstrauisch, verschlossen und geizig, sie wählen seit dem Ende der Bronzezeit mit überwältigender Mehrheit die CSU und stehen im Verdacht, mit Freude der Inzucht zu frönen. Ausreichend Gründe also, um dort wegzuziehen. Doch wohin?

Durch Zufall fiel meine Wahl auf Dortmund, und ich bin kein Fußballfan. Zu Besuch bei Freunden stellte ich fest, wie angenehm unkompliziert die Mentalität hier im Ruhrpott ist. Man versteht die Menschen problemlos und kommt mit jedermann/jederfrau leicht ins Gespräch. Auf schneebedeckte Alpengipfel, Dirndltracht und Kuhglockengebimmel muss zwar verzichtet werden, aber Letzteres hätte man vor 20 Jahren eh kaum gehört, denn da lärmten in Dortmund noch Tag und Nacht die Stahlwerke und Kokereien. Und es gab noch Kohlebergwerke. Diese Zeiten sind längst vorbei, Strukturwandel nennt man das.

Als ich das erste Mal hier zu Besuch war und bei REWE einkaufen wollte, fehlte mir die obligatorische Mark für den Einkaufswagen. Mit einem Geldschein ging ich zur Kasse und bat um Wechselgeld. Obwohl die Frau mich noch nie gesehen hatte, drückte die Kassiererin mir ein Markstück in die Hand. "Geben Sie’s mir nachher einfach wieder, ja?" No Bullshit! Vertrauen in das Gute im Menschen – ich war perplex und angenehm überrascht. Am Tegernsee bekam man in jenen Tagen auf Tankstellen nur widerwillig eine Schachtel Zigaretten verkauft, wenn man nicht Grüßgott sagte und dabei das R im Rachen rollte wie fauchende Komodowarane beim Liebesspiel.

Ich wohne in einer ruhigen Seitenstraße, Zone 30, reichlich Bäume, mit dem Fahrrad sind es fünf Minuten in die Innenstadt. Bezahlbare Altbauwohnungen, Bäcker, Schuster, Metzger und ein Edeka in Steinwurfnähe. Verträgliche Nachbarn, überwiegend – ein paar Idioten gibt es überall. Man grüßt sich, redet miteinander, ist schnell per Du. So wie ich und die Frau aus Haus Nummer 26. Ich habe ihre Tochter groß werden und irgendwann in die erste eigene Wohnung ausziehen sehen, und seit ein paar Jahren führt die Mutter einen Hund spazieren. Neulich trafen wir uns draußen, Bello pinkelte grad an einen Baum, die Sonne schien und wir kamen ins Gespräch. Ein kurzes Gespräch, schnell auf den Punkt, typisch Ruhrpott. Obwohl die Frau aus Haus Nummer 26 und ich uns nicht näher kennen, berichtete sie mir von ihrer Krebsoperation. Brustkrebs, OP, Chemo, Bestrahlung, Amputation. Ohne jede Wehleidigkeit, einfach nur die Fakten. Ach ja, und ihr Lebensgefährte hätte sie jetzt verlassen. "Titte weg, Kerl weg. Was willste machen, so isses eben.“ Danach wünschte sie mir einen guten Tag und führte weiter ihren Hund Gassi.

Ein typischer Dialog zwischen zwei alteingesessenen Ruhrpöttlern verläuft ungefähr so: Treffen sich zwei, fragt der eine: "Und, wie is?" Antwort: "Muss." Gegenfrage: "Und selbst?" Antwort: "Auch muss." Das Leben muss irgendwie weitergehen, man muss sich arrangieren, vom Jammern wird’s nicht besser – das ist die Philosophie hinter dem Wort "Muss." Vielleicht nicht so schön wie Dirndllook, Schuhplattler und Alpenglühen. Keine Folklore, einfach nur verdammt ehrlich.

Ruhrpott