Trotzdem, Deutschland: Vorsicht.

„Ich finde nicht, dass wir seit 70 Jahren in Frieden leben, zumindest gab es und gibt es mehrere bewaffnete Einsätze der Bundeswehr, man muss das vielleicht nicht mit dem Begriff Krieg belegen, Frieden ist aber doch etwas anderes.“ - Da gebe ich Johannes Lorenzen vollkommen recht und versuche noch mal zu präzisieren, was ich in meinem Kommentar sagen wollte: Wir genießen seit 70 Jahren den luxuriösen Zustand der Abwesenheit von Krieg in DIESEM Land. Was nicht bedeutet, dass wir diesen nicht, gemeinsam mit unseren europäischen Verbündeten, stetig mit in die Welt hinaus tragen, ihn finanziell, personell und ideologisch mitfördern usw.

Hierzulande ist Krieg seit 70 Jahren aber eben nur ein Wort, und zwar eins, das in Diskursen auftaucht, die wir gedanklich normalerweise in den Ordner „weit weg / not my business“ ablegen. Eine Art Phantom, das zwar als solches Angst macht, aber tatsächlich erst greifbar wird, wenn es wirklich vor der eigenen Haustür steht – was hoffentlich auch 2016 ff. zu verhindern sein wird.

Der Aussage „Europa ist erstaunt über Deutschland, weil Deutschland anders als andere Länder keinen Rechtsruck erfährt“ kann ich dagegen leider nur zum Teil zustimmen. Dass bspw. Pegida, wie es scheint, nach #ParisAttacks kaum mehr Zulauf zu verzeichnen hat als vorher*, erscheint auf der einen Seite ein bisschen beruhigend und spricht wohl für die Annahme, dass der befürchtete Rechtsruck sich – jedenfalls was sichtbare organisierte Formen angeht – im Gegensatz zu anderen Ländern (noch) in Grenzen hält.

Dass dem so ist, liegt wohl tatsächlich daran, dass die deutliche Mehrheit der deutschen Bevölkerung das dunkle Kapitel „unserer“ Geschichte noch auf dem Schirm hat und man im Gegensatz zu anderen europäischen Nationen für den Zusammenhang zwischen rassistischem Denken, Äußerungen und Taten vielleicht etwas mehr sensibilisiert ist – Punkt für Deutschland. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Wenn man auf der anderen Seite aber bedenkt, dass sich in diesem Jahr die Straftaten gegen Geflüchtete im Vergleich zum letzten Jahr vervierfacht** haben, und sich die immer größeren Hasswellen, die sich täglich im Netz brechen***, vergegenwärtigt, kann man leider auch nicht komplett leugnen, dass sich in Wort und Tat sehr wohl ein Rechtsruck vollzieht, der allerdings – vielleicht auch typisch Deutschland – etwas weniger offensichtlich bzw. öffentlich vonstatten geht als in anderen europäischen Ländern (z.B. Polen). Alles Weitere sehen wir spätestens 2017 bei den Bundestagswahlen.


*http://www.taz.de/!5256410/
**www.zeit.de/politik/deutschland/2015-12/rechtsradikalismus-fluechtlinge-straftaten-unterbringung
***Um signifikante Ballungsräume entsprechender Äußerungen und Gedanken zu finden, muss man z.B. bei Facebook wirklich nicht lange suchen...

MEIN (UN-)WORT DES JAHRES

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