True Detective und die Meister von HBO.

Vor längerer Zeit ging ein Flüstern herum, sich gegenseitiges Zunicken und hochgezogene Brauen an dunklen, virtuellen Straßenecken; es war das alte und bis in alle Ewigkeit funktionierende Spiel des “ich weiß etwas, das du nicht weisst” - oder noch klischeehafter - “ich habe nun endlich den heiligen Gral entdeckt”, ein spielerisches Einverständnis , welches dann ein “kennst du schon…” nach sich zieht und die vor langer Zeit gebildeten Seilschaften des elitären Geschmacks immer wieder zu geheimen, spätnächtlichen Zusammenkünften zwingt. “True Detective”, so der ehfürchtig wie in der Kirche während des Hochamts geflüsterte Titel einer Serie von einem bis dato unbekanntem Autor; mit dem als jüngerer Robert DeNiro auferstandenen bzw. sich selbst wiedererweckt und wiederentdeckt habenden Matthew McConaughey. Dieser als ernster, verschlossener, tiefe Wunden mit sich tragender Polizeiermittler auf der Suche nach einem Serienmörder. Ihm zur Seite der ewig präsente Woody Harrelson, auch der sich aber quasi über sich selbst erhoben, seine Grenzen ausgeweitet. Dann, nach den ersten konspirativen Zusammenkünften, nach der Arbeit spät in der Nacht gemeinsam verbrachten schlaflosen Stunden vor der Flimmerkiste, stellte sich die Euphorie ein unter all diesen verwöhnten Propheten - “True Detective” war also wirklich der heilige Gral, ein neu geschliffener Diamant, dessen Leuchten die rotgeränderten Augen schmerzt und die Kehle austrocknet. Nic Pizzolatto, ein bis dato eher kaum aufgefallener Autor eines Romans namens “Galveston” hatte das unmögliche getan, hatte mit der Hilfe der Chefvisionäre von HBO von Beginn an alle Regeln brechen dürfen; hatte sich ohne Kontakt zum “Business” eingeschlossen und mit nervösem Bleistift ein feinsinniges, überaus verschlungenes und verdrehtes, im Endeffekt aber doch so klares Bild einer Fernsehserie rund um zwei Männer und ihre schmerzhafte Transformation gemalt. Diese sich in aller Stille und Freiheit da entfaltenden Bedeutungsinhalte von “True Detective” haben aufgrund der Konditionierung der meisten Empfänger zu kräftigen Mißverständnissen geführt; ein von Autor Pizzolatto durchaus beabsichtigter, kluger und auch mutiger Schachzug - denn mit den Gefühlen von Fans zu spielen ist wahrlich ein gefährliches Geschäft. Was hat Pizzolatto denn nicht alles anklingen lassen: H. P. Lovecraft mit seinem tödlichen wie mieselsüchtigem Universum, dessen treuesten Apologeten Thomas Ligotti (vor allem mit seinem wegweisenden Werk “The Conspiracy against the Human Race”), Robert Chambers und sein bis dato längst vergessener “Yellow King”; ausserdem die ganze “True Crime “- Kultur mit ihren schlecht geleimten Paperbacks, mit schnell vergilbenden Seiten, den schreienden wie Unheil versprechenden schwarz-roten Covers und den grausamen Schwarz-Weiss-Bildern im Mittelteil. Und die Philosophie, die hat Pizzolatto uns Zusehern hingeworfen, wie man ausgehungerten Kettenhunden im Hinterhof der Realität ungeschlachte, rohe Fleischbrocken hinwirft - Nietzsche und Emil Cioran mit ihren wütenden Thesen zum Nihilismus; Metaphysik, ja sogar das wenig bekannte und deswegen auch von wenigen Zusehern erkannte Postulat der “zyklischen Zeit”, deren Symbol die sich ewig selbst verschlingende Schlange Ouroborus ist. Die Verdammung der “ewigen Wiederkehr” erkannte der fiktionale Hans Castorp in Thomas Manns “Zauberberg”, aber auch Weisheitsleher wie Gurdjieff oder Ouspensky fielen diesem irren Konzept und damit folgend dem Wahnsinn am Ende ihrer physischen Existenz anheim. Nach der Austrahlung der ersten Folgen brach in der Serien-Community die Hysterie los. Viele erklärten sich aus dem Stand heraus zu ewigen Die-Hard-Fans. Unzählige Blogs wurden gegründet, sämtliche Folgen der Serie in Einzelbilder zerlegt und von den Nerds, Geeks und Wahnsinnigen dieser Welt untersucht, wo denn nun die Hinweise auf jenen mysteriösen “King in Yellow “ zu finden seien, oder ob man “Carcosa” (eine von Ambrose Bierce ersonnene und von Chambers verwendete “mythische Stadt”, basierend auf dem südfranzösischen Carcassonne) denn mit dem Fortschreiten von “True Detective” irgendwo entdecken würde. Und wahrlich, mit kleinen, klitzekleinsten Hinweisen wurde von Regisseur Cary Joji Fukunaga nicht gespart, überall wurden versteckte, aber nicht zu gut versteckte Symbole angebracht, während man in Interviews aber wiederum nicht müde wurde, zu betonen, dass sich “True Detective” strikt dem Realismus verpflichtet fühle. Und so ist auch letztendlich die riesengrosse Enttäuschung zu verstehen, die von den Propheten, Apologeten, Fans und glühenden Bewunderern ausging nach der Austrahlung der letzten, alles aufklärenden Folge - das Internet hat da kurze Zeit wie ein roter Schwamm geglüht vor Zorn. Der Autor hat aber bloß in der wahren Tradition eines Kriminalschriftstellers gearbeitet und auch wenn seine Vision der Transformation “”Reise ins Licht”) der beiden Protagonisten nicht jedermanns Geschmack sein mag, folgerichtig ist sie in sich allemal. Die zweite Staffel hat das Problem mit dem “Übernatürlichen” sowieso nicht mehr - es kommt einfach nicht mehr vor.

True Detective