Unwort und Wort des Jahres zugleich: "Flüchtlinge"

Was ist noch groß zu sagen zu dem Thema "(Un)Wort des Jahres", nachdem die Entscheidung gefallen ist und ein Wort ausgewählt wurde, das mindestens seit dem Spätsommer die Medienwelt dominiert?

Ist es das wichtigste Thema gerade? Ja - nicht nur für die Menschen, die vor Krieg, Gewalt und auch unzumutbaren Lebensverhältnissen fliehen, sondern auch innenpolitisch muss sich hier zeigen, ob Konzepte wie Offenheit oder Nächstenliebe reellen Wert haben. Wenn man sich Pegida und Co. anschaut, bekommt man eher das Gefühl, wir seien ein Land von ängstlichen, gierigen Arschlöchern.

Ist es die richtige Entscheidung, dieses Wort zum Wort des Jahres zu ernennen? Ich sage nein und ja. Die Gesellschaft für deutsche Sprache betont regelmäßig, dass ihre Wahl nicht wertend verstanden werden soll - ihr "Wort des Jahres" soll einen Fokuspunkt des gesamtgesellschaftlichen Diskurses des Jahres darstellen.

Nein, weil dieses Wort nicht die beste Wahl ist, um über die Thematik zu reden und zu schreiben. "Flüchtlinge" hat einen spezifischen Subtext und identifiziert die Menschen unter diesem Begriff als attributlose Masse - scheinbar abgetrennt von den realen Erfahrungen von Lebensgefahr, Verzweiflung und Angst. Es eignet sich bestens zur Kombination mit "Krise", "Schwemme", "Flut", "Strom" - und wer es dann noch nicht verstanden hat, kriegt von rechts "Wirtschaftsflüchtlinge" an den Kopf geschmissen, um klarzustellen, dass es sich hier nicht um Hilfebedürftige handele, sondern um Schmarotzer.

Ja, weil das Wort mangels etablierter Alternativen häufig ohne negative Intention benutzt wird. Begriffe wie "Geflüchtete" oder "geflüchtete Menschen" sind jedoch im Kommen und werden beliebter. Und ja auch, weil ohne Ansehen von negativem oder positivem Potenzial des Wortes die globalen Bewegungen geflüchteter Menschen die Gegenwart und Zukunft vieler Menschen beeinflussen, auf gesellschaftlicher, politischer und kultureller Ebene.

Sprachliche Sensibilität und auch political correctness sind keine Nischenthemen mehr, und ich halte es für denkbar, dass diese Wahl der Debatte um den Begriff "Flüchtlinge" helfen kann. Eine ähnliche Wandlung hat der Begriff "Asylanten" durchgemacht: Ursprünglich eine rein deskriptive Bezeichnung für asylsuchende Menschen, wurde er durch massive rechte bzw. negativ konnotierte Vereinnahmung zu einem "verbrannten Begriff", der heute im normalen Diskurs nicht mehr verwendbar ist.

MEIN (UN-)WORT DES JAHRES

http://www.sueddeutsche.de/kultur/deutsche-sprache-wort-des-jahres-warum-fluechtlinge-abschaetzig-ist-1.2778193

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