Veganismus und Gewissen

Es ist kein beliebtes Thema unter Menschen, die vegan leben: Kompromisse. Dabei umgeben sie uns: In alternativlosen Medikamenten, die an Tieren getestet wurden oder Laktose enthalten, in obskuren Fällen wie industriellen Klebstoffen (auch z.B. in Schuhen) oder Autoreifen, die eventuell tierische Stoffe enthalten – oder, noch etwas abstrakter, in der Teilhabe an der fortschreitenden Urbanisierung der Welt, die Lebensräume vieler Tierarten zerstört.

Vor einiger Zeit kaufte ich in einem Fairtrade-Klamottenladen ein und suchte eine Jeans. Eine Marke gefiel mir – nur leider war der Patch hinten aus recyceltem Leder. Ich ließ den Verkäufer wissen, wie schade ich es fand, dass die Marke auf faire Arbeitsbedingungen und Materialien achtet, aber keinen Kunstlederpatch verwendet und damit die vegane Community ausschließt. Prompt wurde ich in eine Diskussion verwickelt, dass Kunstleder – aus Erdöl hergestellt – für Umwelt und Tierwelt, besonders in den Weltmeeren, deutlich schädlicher sei als Recycling-Leder. Ich konnte nichts entgegensetzen, aber es blieb das Unbehagen bei dem Gedanken, Tierhaut am Körper zu tragen.

Die meisten Menschen, die sich für ein veganes Leben entscheiden, sagen: Ich tue, was ich kann – soweit möglich. Es gibt tatsächlich einige fließende Grenzen: Die einen rühren die angesprochenen Medikamente und auch Lebensmittel mit Spuren von Milch oder Eiern nicht an, andere tun das. Die einen tragen Lederschuhe oder Wollklamotten, die sie schon lange besitzen, andere schmeißen diese weg.

Glücklicherweise geht es hier nicht um Gesetze oder die Mitgliedschaft in einem Club, sondern um eine persönliche Entscheidung. Ich habe nie und werde nie jemanden anprangern, der/die sich entscheidet, Fleisch zu essen, egal ob es sich um ein Würstchen oder 60 Kilo im Jahr handelt (deutscher Durchschnitt). Jede fleischlose Mahlzeit weniger ist in meinen Augen ein Fortschritt – übrigens auch für Klima und Umwelt!

Mit dem Label „Vegan“ ist es aber etwas anderes: Es symbolisiert die Entscheidung, das eigene Handeln soweit wie möglich zu ändern, um Tierleid zu minimieren – also nicht mal aus Bequemlichkeit oder Heißhunger Kuhmilch in den Kaffee zu tun oder die Pizza mit Käse zu essen. Das Label steht für eine Einstellung und hilft in der Öffentlichkeitsarbeit für „die Sache“ – denn Menschen denken in Schubladen.

Mit dem Gewissen aber und der Verantwortung für das eigene Handeln steht jeder Mensch alleine. Es gibt moralische Dilemmata, die sich nicht lösen lassen – in der postindustriellen Gesellschaft mehr denn je.

Veganismus