Vertigo - Aus dem Reich der Toten

… ist mein Lieblingsfilm vom Suspense-Großmeister. Die Thematik ist der Stoff delirierender Fieberträume; Liebe, Sehnsucht, Besessenheit und Tod sind die Fasern, aus denen dieses Leichentuch menschlicher Verletzbarkeit gewirkt ist.

Kein Mord oder Mörder lässt zunächst John Fergusons Welt (James Stewart) in ihren Grundfesten erzittern. Es ist die Liebe zu der geheimnisvollen Frau eines Jugendfreundes, die er in dessen Auftrag beschatten soll. Denn Madeleine (Kim Novak) verhält sich komisch und sucht obskure Orte auf, ohne es hinterher noch zu wissen. Eigentlich macht der pensionierte und nervlich leicht angegriffene Polizist so etwas ja nicht, aber dem alten Weggefährten kann er diese Bitte letztlich nicht abschlagen. Er begibt sich damit in einen halsbrecherischen Abwärtsstrudel, der ihm sukzessive den Verstand kostet.

Der Plot ist aberwitzig, zuweilen hart an der Grenze des Glaubwürdigen, aber unter der Führung des Allroundgenies Hitchcock gelingt es einem kaum sein rationales Haupt zu erheben um kleinlich Anstoß zu nehmen, man wird hineingerissen und mit surraelen Bildern und Einfällen meist sanft und behutsam, manchmal auch ungnädig erschlagen. Das ist Albtraumland. Alles ist möglich, das Hirn verdampft hilflos im Fieber des Wahnsinns, der für den Betrachter greifbar wird. Wir erleben die Welt mit Johns Augen, dessen Höhenangst ein wichtiges Plot Device darstellt, wie sich am Ende herausstellt. Aber ich will natürlich nicht zu viel verraten.

James Stewart kauft man den verliebten Narren im Handumdrehen ab. Er spielt die Rolle des Behelfsdetektivs, dem die Sache rasch über den Kopf wächst, mit einer wunderbaren Verletzlichkeit, die den langsamen Abschied seiner Zurechnungsfähigkeit plausibel macht. Er verliebt sich schnell in diese geisterhafte Schönheit, die offenbar von einer Toten besessen ist und schließlich verliert er sie an die Tote. Der Film hätte hier zuende sein können, doch jetzt wird es erst richtig interessant. Und, oh Bruder, wird es finster und gemein.

Madeleine, mit ihrer puppenhaften Unterkühltheit, ist das passende Gefäß für den Wahnsinn, der zunächst scheinbar von ihr und schließlich von John Besitz ergreift. Ihr Charakter wirkt dabei stets nicht ganz real, ist zu Lebzeiten schon ziemlich gespenstisch und nur der Tod führt sie sozusagen wieder zurück aus dem Reich der Schatten. Oder ist alles doch nochmal ganz anders? Oh Boy!

Hitchs "Vertigo" ist ein langsamer, lauernder Film, der stets dicht am Hauptprotagonisten bleibt, beinahe minutiös dessen geistigen Verfall intim nachzeichnet und nur ein paarmal brachialer an der Schraube des Grauens dreht. Ich sage nur Traumsequenz! Wunderschön, betörend diabolisch und unheimlich. Bernhard Hermanns Score ist wie immer auch hier unfassbar. Ich erinnere mich noch gut daran, wie gerade diese Sequenz mir als Kind arg zusetzte. Ich war zu jung den Film inhaltlich zu begreifen, aber seine Bilder und die Musik verstand ich auf einer unmittelbareren Ebene. Und gerade auf diese Weise jagte sie mir an der Stelle eine Höllenangst ein. Von diesem Kaliber gibt es noch ein paar Momente mehr. Dazwischen regiert schleichender Wahnsinn in nicht minder beeindruckenden Sequenzen und Bildern.

Was gäbe ich darum, "Vertigo" noch einmal mit dem vornehmlich intuitiven Blick eines Kindes zu sehen, ohne die rationalen Schutzwälle, die cineastische Erprobtheit mit der Zeit bereitstellt. Das ist ein Horrorfilm, bzw. ein Psychothriller, der sich tüchtig der Elemente phantastischen Horrors bedient und am Ende doch auf dem Boden alles Irdischen bleibt. Oder doch nicht? Zumindest kann John den Boden letztlich wieder problemlos betrachten. Aus schwindelerregender Höhe. Die finale Einstellung von "Vertigo" wird sich tief in eure Festplatten brennen!

Das sollte kein Review sein, höchstens bewunderndes Gefasel.

Alfred Hitchcock, Thriller, Drama, Horror

https://www.youtube.com/watch?v=4WAxDlUOw-w