Viva la Rebellion

Der Sachverhalt ist von vielen Denkern bereits aufgegriffen und kommentiert worden. Benedetto Croce beispielsweise – „Wer vor seinem dreißigsten Lebensjahr niemals Sozialist war, hat kein Herz. Wer nach seinem dreißigsten Lebensjahr noch Sozialist ist, hat keinen Verstand.“ Wenn das der Fall ist, habe ich kein Herz. Man muss allerdings sagen, dass es in meiner Jugendzeit, also den beginnenden Achtziger Jahren, einen schlagenden Grund gab, nicht Sozialist zu sein, denn alle Lehrer waren es. Unsere Gesellschaft triefte vor Sozialismus und grünen Gutmenschentum, und das ganz ohne negative Konnotation. Ich war nicht Sozialist, weil mir der Sozialismus, so dick aufgetragen und mit Gefühl angereichert, schon damals suspekt vorkam. Ich war nicht Sozialist, weil ich keine Lust hatte, ungeprüft das nachzuplappern, was unsere Lehrer uns vortrugen. Lieber trat ich mit Beginn meines Studiums in die FDP ein.

Aber im Grunde ist da ja etwas dran. Jugend rebelliert gegen das Altgewohnte. Weltweit werden Rebellionen gegen autokratische Systeme von Jugendlichen und Studenten, die diese Rebellionen nutzen, um sich ihren eigenen Platz in dieser Welt zu erkämpfen. Die Studentenrevolte, die Rebellion am Platz des himmlischen Friedens, die Aufstände gegen Diktator Marcos in den Philippinen, sie alle gingen von den Universitäten aus. Des Öfteren versuchen mächtige Männer, sich dies zunutze zu machen, indem sie die Jugend zur Hilfe rufen wie Mao in der Kulturrevolution, und im Normalfall werden sie dann von den Ereignisse überrollt.

Im Vergleich dazu sind unsere studentischen Linken ja schon angepasst, aber das ist im Grunde auch kein Wunder, denn alles, für was sie kämpfen, wurde im Grunde bereits vor vierzig Jahren gefordert, und es sind die Jugendlichen von damals, die 68er, die jetzt an den Schalthebeln der Macht sitzen und diese Rebellion mit beifälligem Kopfnicken begleiten. Die 68er haben ja auch schon die 30er-Altersgrenze thematisiert, indem sie propagierten, man solle keinem über 30 trauen, und dennoch halten sie weiterhin, obwohl sie inzwischen mehrheitlich die 70 überschritten haben, ihre Meinungsführerschaft für ein Naturgesetz. Der Kampf gegen Rechts, für Gleichberechtigung auch nicht existierender Geschlechter, für eine saubere Umwelt, für eine bessere Welt, ist im Grunde nur 68 2.0 oder sogar schon 3.0. Selbst die Autonomen, die sich wegen besetzter Häuser Straßenschlachten mit der Polizei liefern, müssten sich eigentlich verarscht vorkommen, wenn Rauschebärte darauf verweisen, dass sie das in ihrer Studienzeit alles auch schon gemacht haben.

Heutzutage und im heutigen Deutschland ist es Rebellion, das alles nicht mehr mitzumachen. Bereits die Neue Deutsche Welle der 80er Jahre war so eine Rebellion, in der ein Marcus Spaß hatte und Gas gab und damit all den Müsli kauenden Fahrradfahrern den Stinkefinger zeigte. Im heutigen Deutschland ist es Rebellion, im Anzug zur Uni zu gehen, in eine schlagende Verbindung einzutreten und BWL zu studieren. Im heutigen Deutschland ist es Rebellion, nicht nach einer kurzen Phase des Linksseins einen gesicherten Beamtenposten anzustreben. Denn im Grunde muss man anerkennen, dass Links inzwischen verdammt spießig geworden ist, was andererseits auch kein Wunder ist, wenn es von Leuten getragen wird, die einfach da weitergemacht haben, wo ihre Lehrer aufgehört haben.

Das heißt nicht, dass Rechts weniger spießig ist, im Gegenteil. Wer rechts ist, rebelliert gegen Links, indem er sich seine Lehrer halt woanders herholt, sei es aus der Geisterbahn des Nationalsozialismus, sei es aus den verknöcherten 50ern, als die Geschlechterrollen noch verteilt waren und alles klar schien. Neu ist das alles nicht mehr. Die Jugendbewegung um die Jahrhundertwende, die Rock’n Roller der 50er Jahre und auch die 68er waren da deutlich weiter, aber sie verfügten auch über klarere Feindbilder, von denen sie sich abgrenzen konnten. Sie wurden nicht in ihrer Rebellion sozialarbeiterisch begleitet, staatlich unterstützt oder, was am Schlimmsten ist, als Modeerscheinung kommerziell ausgebeutet.

Sie wurden auch nicht in dieser Radikalität zu Feindbildern erklärt, die heutzutage jeden trifft, der seine Sympathie mit einer Gruppierung zum Ausdruck bringt, die sich nicht als links definiert, in einer Radikalität, die eigentlich eher diktatorischen Regimes zu Eigen sein sollte. Dabei handelt es sich hierbei vielfach einfach um Rebellion, um Rebellion gegen eine Welt, in der einem die Lehrer, die Medien und die Politiker ein buntes, friedevolles und nachhaltiges Weltbild predigen und dies als Rebellion verkaufen, obwohl es bereits von oben propagiert wird. Aus der Rücksicht und aus Erfahrung sollte man davon ausgehen, dass auch diese Rebellion nicht automatisch in eine Wiederauflage des Nazistaats oder einen eiskalten Kapitalismus münden wird. Auch diese Jugendlichen werden irgendwann 30 sein.

Rebellion