Von Zinnober, Grünspan und Ultramarin

Augustwanderung in der Jülicher Börde, der Staub wirbelt auf, ein durch die Jahrhunderte am Eifelaufstieg angewehter Staub, fruchtbarer Bördeboden, Löss, Zuckerrübenanbau. Wo Boden verloren geht, erscheint Geröll, Stein, nackter Fels. Der Begriff Mutterboden leuchtet ein.
Staub. Abstauben heißt im Jargon, etwas vorteilhaft in Besitz zu nehmen, aber wir machen uns aus dem Staub, wenn es brenzlich wird, der Wanderer klopft ihn von seinem Rock und die Asche, zu der wir alle werden, ist nur ein anderes Wort dafür. Wir sind vergängliche Wesen, Sternenstaub. Gießen wir Wasser hinzu entsteht der Lehm, aus dem Adam geknetet wurde. Das Staubige hat viele Seiten.
Eine Freundin, der ich Fotos von neuen Malereien zur Beurteilung maile, sagt dann manchmal: Du musst Staub wischen. Damit meint sie nicht den Zustand meines Ateliers, sondern die mangelnde Leuchtkraft meiner Farbgebung. Die Pigmente für die Herstellung meine Malfarben stehen in offenen Gefäßen auf dem Ateliertisch. Wenn ich etwas daraus entnehme, fallen immer einige Stäube herab und bilden farbige Ringe, die sich schließlich untereinander zu Grau mischen. Die Summe aller Farben ist Schwarz oder Weiß, je nach subtraktiver oder additiver Farbmischung. Aber die Summa, das Höchste, wird selten erreicht. Grau ist öfter und auf der Skala der Gefühle sind staubig und grau synonym: die staubige Straße und der graue Alltag.
Weht ein starker Mistral, färben sich mediterrane Orte mit Wüstenstaub, diese Orte liefern berühmte Pigmente: Pompejianisch Rot, Terra Pozzuoli, Terra di
Siena, Substanzen, die uns aus dem Spektrum des Lichtes einzelne Farben herausfiltern und sichtbar machen können. Und je staubiger sie sind, je feiner ihre Körnung ist, umso intensiver strahlen sie.
Meine erste Bekanntschaft mit diesen Stäuben machte ich als Kind, als ich einen Falter von einer Blüte schnappte. Behutsam öffnete ich unter dem Flattern die Hände und erblickte mit Erschrecken das verwischte Pfauenauge darin. Es blickte mich an, als wäre ich von nun an gezeichnet. Die Farbe hat mich dann auch nicht mehr losgelassen.
Damals, in den grauen 50er Jahren, waren selbst die Illustrierten nur auf den Außenseiten farbig bedruckt. Das ist heute unvorstellbar, Farbe ist frei verfügbar und ihre Herkunft ist die Chemiefabrik, doch die Geschichte der Farben gäbe den Stoff für Romane ab. Erst kürzlich stieß man bei Grabungen im Umfeld steinzeitlicher Siedlungen auf große Lagerstätten von Hämatit, der geologisch dort nicht zu erklären war. Man spekulierte, dass er dort gelagert worden war, um damit Handel zu treiben. Hämatit, der Blutstein, ist hoch lichtecht und seine Skala geht vom zartesten Rosa bis hin zu einem tiefen Violett. Farbe war rar und durchaus ein Tauschmittel und vor allem die Farbe Blau, die von einem Türkis über das samtige Kobalt bis zur Tiefe des Ultramarins reichen kann, hatte über Jahrhunderte nur eine einzige Quelle, den Edelstein Lapislazuli. Ultramarin - von jenseits des Meeres - der Name deutet auf seine fernöstlichen Fundstätten hin. Von dort wurde er mit den ebenfalls hoch dotierten Pigmenten des Gaumens, mit Zimt, Nelken und Pfeffer, von Segelschiffen in den Handel gebracht.
Die Fahrt dauerte Monate. Man navigierte nach den Sternen, querte die Flauten der Rossbreiten, dann das Kap der guten Hoffnung, wo das unterschiedliche Niveau der Ozeane gewaltige Mahlströme erzeugte, denen diese Nussschalen wenig entgegen zu setzen hatten, dann weiter durch die Piratengewässer des Horns von Afrika (ohne „Mission Atalanta“ ) und durch die von Haifischen und Tornados verseuchte Straße von Macao und wieder retour.
Dass diese Stäube in Gold aufgewogen wurden, wundert nicht. Es gibt noch handschriftliche Rechnungen von Albrecht Dürer, auf denen der Preis für das im Gemälde verwendete Ultramarin nach Gramm abrechnet wird. Das ist heute, wo der optisch gleiche Stoff dank synthetischer Herstellung gleich Kiloweise und in Plastiksäcken in die Einkaufswagen der künstlerischen Großmärkte wandert, völlig unvorstellbar.
Nicht nur die Pigmente, auch ihre Geschichte ist bunt. Das Rot der Königmäntel wurde aus der Substanz tausender zerquetschter Purpurschnecken gewonnen, später gewann man Rot durch eine hochgradig giftige Quecksilberverbindung, den Zinnober. Ein toxischer Stoff wie das Schweinfurther Grün, der Grünspan, ein Kupferarsensulfat, dem Napoleon zum Opfer fiel. Man hatte die Wände seines Hauses auf St. Helena mit diesem Farbton gestrichen und die spätere Obduktion ergab tödliche Konzentrationen von Arsen im Körper des Korsen. Die Verwendung von giftigen Schwermetallen zur Farbgewinnung wie Blei, Kobalt oder Kadmium ließe sich fortführen. Die Farbe scheint so unverzichtbar, dass man diese Risiken in Kauf nahm.
Natürlich ist ein Blau aus der Chemiefabrik ein anderes als eines, das durch die Straße von Macao zu uns gekommen ist. Wenn nicht die Leuchtkraft, so steigt doch der Nimbus der Farbe. Wie mag Dürer diese staubigen Schätze verwahrt haben? In kleinen Glasflakons, deren Außenseiten über die Jahre opalisierten und mit einem Korken verschlossen? Um die alten Farbtöne scheinen sich im gleichen Maße Geschichten zu ranken, wie die neuen lediglich frei verfügbar sind. Ich bin durchaus geneigt, das auch symbolisch zu sehen.

Staub in der Malerei