Von der Frauenstraße zum Zollamt: Hausbesetzungen in Münster

Seit dem letzten Wochenende ist in Münster wieder ein Haus besetzt: das ehemalige Hauptzollamt an der Sonnenstraße, unweit von Innenstadt und Hauptbahnhof an der Promenade gelegen. Die Gruppe von Besetzer_innen beruft sich auf Leerstand, Wohnraumknappheit und das Fehlen eines selbstverwalteten sozial-kulturellen Zentrums und kann damit bei Nachbarschaft, Stadtgesellschaft und Medien durchaus Sympathiepunkte sammeln.

Das Gebäude, das sich im Besitz des Bundes befindet und von der ungeliebten BIMA (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) verwaltet wird, ist seit drei Jahren ungenutzt. Ohne Zweifel ein Unding für ein Objekt in gutem Zustand und in bester Lage, besonders angesichts der katastrophalen Wohnungssituation.

Die Hausbesetzerszene in Münster hat bereits eine echte Erfolgsstory produziert: 1973 wurde das Haus Frauenstraße 24 besetzt, ein 1900 erbautes Jugendstil-Gebäude, das vom Abriss bedroht war. Nach der erfolgreichen Legalisierung durch einen Verein ist das „F24“ am Schlossplatz, seit 1980 denkmalgeschützt, bis heute beliebte Kneipe, Restaurant und Ort für Kulturveranstaltungen.

Nach weiteren Besetzungen in der Sertürnerstraße und der Marienthalstraße war Münster 1981 gar Schauplatz eines ersten deutschen „Hausbesetzerkongresses“, offiziell „Kongress zur Wohnungsnot und Wohnraumpolitik in der BRD“ genannt. Zeitgenössische Medien berichten von lebhaften Diskussionen der rund 600 bis 700 Teilnehmenden, die aus ganz Westdeutschland angereist waren.

Auf eine Besetzung in der Engelstraße im Jahr 1990 folgte mit der ehemaligen Uppenbergschule 2000 die erste Besetzung, an die ich mich persönlich erinnere – auch wenn ich zu der Zeit noch nicht in Münster wohnte und mich offensichtlich nicht traute, eines der Konzerte oder eine der Kulturveranstaltungen zu besuchen. Nach sechs Wochen wurde das Gebäude geräumt und anschließend abgerissen.

2009 schafften es die Besetzer_innen, die Problematiken innerstädtischer Wohnraumknappheit und steigender Mieten und Preise einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Anfang des Jahres wurde das Haus Grevener Straße 53 besetzt, einer von mehreren Altbauten, in denen nur noch wenige Mietparteien lebten. Auch hier waren jahrelanger Leerstand und Abriss kalkuliert. Mit dem Ladenlokal „Versetzt“ und guter Öffentlichkeitsarbeit bekamen die „Grevener“ viel Aufmerksamkeit. Nach drei Monaten räumte die Polizei im März 2009 das Haus.

Die Szene hatte jedoch Fahrt aufgenommen und besetzte im Sommer 2009 ein ungenutztes Lagergebäude am Hafen, im Besitz der Stadtwerke und direkt gegenüber des prestigeträchtigen Kreativkais. Innerhalb weniger Tage war das „Q8“ etabliert, in dem in rund zwei Wochen lang mehrere Konzerte und Partys veranstaltet wurden. In den frühen Morgenstunden des 30. Juni wurde das Q8 geräumt und anschließend abgerissen. Das bis heute ungenutzte Gelände ist Teil des viel diskutierten und kritisierten Bebauungsprojekts Mittelhafen.

Eine etwa dreiwöchige Besetzung in der Grawertstraße 34 im Jahr 2011 war ebenfalls bemerkenswert, da sie ein spezifisches Problem der Stadtentwicklung in Münster ansprach: Die Konversion von ehemals durch die britische Armee genutzten Objekten. Rund 800 Wohneinheiten sowie Kasernengelände gingen nach dem Abzug der britischen Streitkräfte in den Besitz des Bundes über. Der sozial verträglichen Nutzung dieser Gebäude bzw. Grundstücke stehen teils astronomische Preisvorstellungen der BIMA gegenüber.

Nun also ist das Zollamts-Gebäude seit rund einer Woche besetzt. In Presseinterviews und Mitteilungen gehen die Aktivist_innen von einer baldigen Räumung aus, die BIMA kündigte bereits eine Strafanzeige an. Brisant angesichts des langen Leerstands ist die Aussage der Stadt Münster, sie hätte bereits im März eine Nutzung des Gebäudes als Kindertagesstätte angefragt, ohne eine konkrete Antwort zu erhalten. Warum – das ist sicherlich nur eine der kritischen Fragen, die die BIMA sich stellen lassen muss.

Hausbesetzungen

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