Von der Peinlichkeit zwischenmenschlicher Zuneigung

Winfried versteckt sich und seine Einsamkeit hinter Masken. Am liebsten schlüpft der 65jährige Musiklehrer in die Haut von Toni Erdmann, dem schmierigen Entrepreneur mit dem Überbiss und der zotteligen Mähne. Seiner Tochter Ines ist er peinlich, sie hat sich längst abgesetzt und versucht sich in der sexistischen Männerwelt der Unternehmensberatung zu behaupten. Dann besucht sie ihr Vater überraschend in Rumänien und weicht nicht mehr von ihrer Seite.

Maren Ade, die bereits in ihrem letzten Film »Alle anderen« eine Beziehungskrise mit entwaffnendem Humor inszenierte, schildert das komplizierte Verhältnis zwischen Vater und Tochter als absurd-komische Annäherung zweier Entfremdeter. Zuletzt erhielt sie dafür den Preis der internationalen Filmkritik (FIPRESCI) als bester Film 2016.

Dass ein Film beim renommierten Filmfestival von Cannes im Wettbewerb läuft, ist eine Auszeichnung. Noch dazu, wenn es nicht der neue Allen, Almodovar, Jarmusch oder eine französische Großproduktion ist, sondern ein kleiner, spröde wirkender Film aus Deutschland. »Toni Erdmann« ist der erste deutsche Film im Wettbewerb von Cannes seit acht Jahren und bei seiner Premiere riss er die sonst kritisch-reservierte internationale Journalistenschar zu Begeisterungsstürmen hin. Das lässt aufhorchen und nach zweieinhalb Stunden Leiden und Lachen, Heulen und Herzmassage weiß man, warum die Reaktionen so überschwänglich ausfallen. »Toni Erdmann«, Maren Ades dritter Film, ist mutig, seltsam und immer wieder überraschend. Er versperrt sich den Erwartungen und Konventionen. Er verzichtet vollends auf Musik, Close-Ups oder andere überflüssige, emotionsfördernde Hilfsmittel, derer sich das konventionelle Kino immer wieder bedient. Er traut sich, Szenen auszudehnen und den Zuschauer immer wieder zu irritieren. Man windet sich voll fremder Scham im Kinosessel. Die Peinlichkeit zwischenmenschlicher Zuneigung wird zelebriert, bis es schmerzt. Und doch findet der Film immer wieder zu seinem emotionalen Zentrum zurück. Auch wenn einem die Beziehung eines Vaters zu seiner Tochter fremd ist, gewinnt man ein Verständnis für beide Figuren. Die Verhaltensweisen des Vaters spiegeln sich in denen seiner Tochter. Was zunächst Grundverschieden wirkt, offenbart Gemeinsamkeiten in stillen Gesten und Reaktionen. Selten lagen Tragik und Komik, Scham und Schamlosigkeit so dicht beieinander. Dass das Wagnis aufgeht, hat Maren Ade ihren furchtlosen Hauptdarstellern zu verdanken, die sich bis zuletzt vollends ihren Rollen hingeben. Ein Glücksfall fürs Kino, das man am Ende mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlässt. Es mag leicht sein, »Toni Erdmann« zu hassen, aber es ist viel leichter, ihn zu lieben.

Toni Erdmann

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