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Vorlesen

Ich kann mich gut daran erinnern, dass mein Vater mir abends oft vorgelesen hat. In Anbetracht der Tatsache, dass er eigentlich gar kein großer Leser ist, ist das besonders liebenswert, denn meine Eltern haben schon bald bemerkt, dass es mich zum gedruckten Wort magisch hinzog und das auch gefördert. Mein Vater musste beim Vorlesen immer mit dem Finger mitzeigen, weil ich genau wissen wollte, wo er nun war, so spannend fand ich das Entziffern dieser Buchstaben.

Es zog mich so magisch zum Lesen hin, dass ich mit 5 Jahren beschlossen habe, es nun endlich zu lernen. Es hat mich verrückt gemacht, dass den Erwachsenen und den älteren Kindern eine Welt erschlossen war, deren Türklinke ich noch nicht berühren konnte. Sie sahen sich diese Zeilen an und wussten, was da stand. Unfassbar eigentlich.

Ich hatte unheimlich viele Bücher. Aber wie auch heute noch war ich vernarrt in Wiederholungen (so, wie ich mir Filme, Serien und Bücher immer und immer wieder reinziehe) und mein Vater musste mir immer dieselben Bücher vorlesen. Dabei fing er oft an, sich einen Spaß zu machen und er veränderte Wörter oder Handlungen, bis ich vor Aufregung jauchzend im Bett stand und ihn quietschend auf seine "Fehler" hinwies. Das fand mein Vater witzig und ihm gefiel, dass ich mir die Wörter in den Geschichten so gut gemerkt hatte. Als ich ihn jedoch eines Abends auf einen echten Fehler hinwies, stutzte er kurz, denn es war ein neues Buch. Er fragte mich, ob ich die Geschichte schon kennen würde, aber ich verneinte und erklärte ihm, dass dieses Wort hier ja gar nicht "Haus" bedeutete (ein Beispiel, ich habe keine Ahnung mehr), sondern "Maus".
Ich sehe den Blick meines Vaters vor mir, der mir wortlos das Buch gab, immer wieder auf ein anderes Wort zeigte und mich fragte, was es denn bedeute. Einige Wörter schaffte ich, andere wieder nicht, aber ich hatte mir das Bild der Buchstaben, wie sie sich zu jenem Wort formten, einfach gemerkt und so lernte ich lesen ganz anders als andere Kinder, die mühsam Buchstabe für Buchstabe zu Wörtern formten.
Leider war mein Vater bald leid, dass ich (meine Sucht danach, andere Leute auszubessern, hat sich leider schon damals manifestiert) ihn immer wieder darauf hinwies, wenn er etwas falsch gelesen hatte und er gab das Vorlesen bald auf, was ich ihm aber nicht verübeln konnte. Also tauschten wir die Rollen und so las ich mit 6 Jahren dann bald meinem Vater jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte vor.

Irgendetwas haben meine Eltern jedenfalls richtig gemacht, denn ich glaube, dass Lesen für ein Kind ein so nahrhafter Quell an Wissen, Gehirntraining und Spaß ist, dass es nicht zu früh sein kann, sein Kind in diesen Prozess einzubinden.

Vorlesen