Waffenstillstand mit Til Schweiger

In der taz stellte gestern Saskia Hödl die Til-Frage, die gerade auch in anderen Medien diskutiert wird: Warum ist der Schauspieler trotz seines öffentlichen Engagements für geflüchtete Menschen immer noch verhasst? Wieso kann der Feuilleton- und Twitter-Mob nicht von ihm lassen – selbst nach seinen herrlichen Facebook-Schlägereien mit so genannten „Asylgegnern“, nach seiner Heim-Initiative und nachdem er, in einer Weise stellvertretend für viele von uns, den CSU-Generalsekretär angepampt hat?

Die Antwort liegt nicht darin, wie er aktuell handelt, sondern darin, was er seit langem verkörpert. Die scheinbare Dissonanz ist, dass er sich nun politisch positioniere, nachdem er vorher unpolitisches Entertainment gemacht habe. Seinen Kritikern wird also vorgeworfen, aus ästhetischen Gründen eine hilfreiche und wichtige Stimme im Flüchtlings-Diskurs zu diskreditieren.

Ein schwerwiegender Vorwurf, doch ganz so einfach ist es leider nicht. Schweigers Filme transportieren, behutsam aber eindringlich, Sexismus und Machismo. Dass ausgerechnet er ausgewählt wurde, um im Hamburger Tatort die großartige Reihe mit Kommissar Cenk Batu (Mehmet Kurtulu┼č) zu beerben, war ein fataler Schlag gegen die dringend benötigte Innovation im deutschen Fernsehen. In der Wahrnehmung Vieler ist Schweiger der Inbegriff einer deutschen Entertainment-Szene, die sich selbst für bestenfalls mittelmäßige Produkte abfeiert, fördert und gegenseitig Preise zuschustert.

Es ist kein dabei wirklicher Zufall, dass Schweiger für seine flüchtlingsfreundlichen Statements bei seinen Facebook-Fans Gegenwind bekam: Teile des Mario Barth- und Kokowääh-Mainstreams sind durchaus kompatibel mit vielen Arten von Vorurteilen. Ebenfalls nicht hilfreich ist sein Umgang mit den Medien. Seit längerem bereits fühlt Schweiger sich ungerecht behandelt, bietet keine Pressevorführungen seiner Filme an und lehnt Interviews ab. Das begrüßen auch manche Menschen, die gerne von der „Lügenpresse“ reden.

Ist aber das alles Grund genug, um seine Stimme jetzt als irrelevant abzustempeln? Könnte man Schweiger als vollblütigen Sexisten oder gar Rassisten bezeichnen? Ganz bestimmt nicht. Aber für Menschen, die sich für eine political correctness einsetzen – dazu zähle ich mich auch – und die in der deutschen Entertainment-Landschaft Missstände sehen, ist er eine Art organischer Gegner. Sprache kann Gewalt erzeugen, und es sind die Minderheiten, nicht die Mehrheitsgesellschaft, die unter Stereotypisierungen ganz real leiden. Insofern betrachten viele Schweigers Auftreten automatisch mit Argwohn.

Meine persönliche Schweiger-Beurteilung befindet sich zur Zeit jedenfalls in einem Waffenstillstand. Solange er sich lautstark für Empathie und Engagement einsetzt und bereit ist, dafür mit einem Teil seiner Fans zu brechen, kann ich nicht anders, als zu denken und zu sagen: Finde ich gut, unterstütze ich.

Flüchtlingsdebatte

http://taz.de/Til-Schweiger-und-sein-Fluechtlingsheim/!5225032/

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