Warum betreibt der Staat eigentlich keine Kundenbindung?

Nur so als Idee. Gut, Privatunternehmen haben das Problem, dass ihnen eventuell die Kunden wegbleiben, und daher müssen sie sich überlegen, wie sie ihre Kunden ans Unternehmen binden. Eine gern genutzte Möglichkeit hierfür sind Payback-Systeme, bei der man für jede Kaufentscheidung Punkte sammelt, die man sich dann als Sachprämien auszahlen lässt. Wenn ich beispielsweise einmal jährlich bei der Bahn meine neue Bahncard 100 erhalte, bekomme ich gleichzeitig auf meinem Bahnbonus-Konto 3500 Punkte gutgeschrieben. Dafür kann ich dann eine Nacht in einem Doppelzimmer in einer vergleichsweise günstigen Hotelkette übernachten – richtig Luxus kostet natürlich mehr – was ungefähr einen Gegenwert von 60 Euro erbringt. Lose durchgerechnet bedeutet das, die Bahn gibt mir ungefähr 0,15 Prozent meines Geldes, das ich bei ihnen abliefere, als Treueprämie wieder. Das ist im Prinzip ein Witz, aber der psychologische Effekt ist enorm und trägt bei Unternehmen, bei denen man öfters einkauft, sogar zur Kaufentscheidung bei. Wenn ich die Auswahl zwischen zwei Discountern habe, gehe ich zu dem, bei dem ich die Paybackkarte habe.

Gut, kann man sagen, das ist ein Problem, das der Staat nicht hat. Seine Bürger laufen ihm eher selten weg – was speziell bei unserem Staat der Fall ist. Andere Staaten haben eher damit zu kämpfen – und den Fällen, bei denen der Staat die Bürger zur Kasse bittet, geht in den seltensten Fällen eine Entscheidung seitens des Bürgers voraus. Steuern und Abgaben hat man zu bezahlen. Es bleibt dem Bürger kaum eine Möglichkeit, sich davor zu drücken, außer man begeht Steuerflucht, und da hat der Staat Mechanismen eingebaut, die ein solches Verhalten sanktionieren. Es stellt sich die Frage, ob der Staat in dieser Frage wirklich auf einen solchen negativen Mechanismus zurückgreifen muss. Warum erwartet der Staat von seinen Bürgern, ihre Bürgerpflicht zu erfüllen, ohne dass der Bürger eine direkt fühlbare Belohnung erhält, die er direkt in Zusammenhang mit seiner Bürgerpflicht bringen kann? Warum setzt der Staat nicht einfach, sagen wir der Einfachheit halber, 0,1 Prozent des Steueraufkommens ein, um dem Bürger ein positives Feedback seiner geleisteten Bürgerpflicht zu geben?

Natürlich hat auch der Staat ein Belohnungssystem, in dem er seinen Bürgern Orden und Ehrenbriefe verleiht. Allerdings ist dieses Belohnungssystem komplett intransparent und für den normalen Bürger im Grunde unzugänglich. Während ein höhere Beamter für lange Jahre des treuen Dienstes, in dem er im Prinzip nur seine Arbeit machte, irgendwann den Ehrenbrief des Landes hinterhergeworfen bekommt, sieht der Angestellte eines Großunternehmens, wenn er Pech hat, irgendwann die Kündigung. Während ein politisch interessierter Mensch, der für seine Partei lange Jahre im Stadtrat saß, irgendwann keine andere Wahl hat, als die angebotenen Ehrenmedaillen zu nehmen, sieht ein langjähriges Mitglied im Vorstand des Schützenvereins solche Ehrungen selten, es sei denn, sein Vorstandsvorsitzende verfügt über die geeigneten politischen Kontakte. Es wäre daher an der Zeit, ein transparentes Kriteriensystem zu schaffen, bei dem jeder Bürger weiß, was er zu tun hat und was er dafür bekommt. Und es wäre auch an der Zeit, das Spektrum der Belohnungen deutlich zu erweitern.

Es bestehen ja einige Möglichkeiten der staatlichen Leistungen, die noch nicht einmal etwas kosten müssten, aber durchaus als Prämien eingesetzt werden könnten. Beispielsweise die Chance, einen Wunschtermin beim Bürgeramt zu bekommen, anstatt Wochen oder Monate warten zu müssen. Oder eine Verlängerung der Abgabefrist für die Steuererklärung. Wenn man also beispielsweise für 1000 Euro gezahlte Steuern 1000 Prämienpunkte erhielte und sich für den Einsatz von 500 Punkten an der Warteliste vorbei mogeln könnte, um seinen Reisepass zu beantragen, würde das den Staat keinen Cent kosten und dem Bürger ein deutliches Gefühl der Verbundenheit mit seinem Staat bescheren. Für den Prämienkorb wären natürlich noch ganz andere Prämien möglich, die problemlos machbar wären, ohne in den Geruch der Korruption zu geraten. Beispielsweise das Recht, den Rathaussaal für eine private Feier zu nutzen oder sich für diese Feier einen Alkoholtester der Polizei auszuleihen. Meine Lieblingsprämie wäre es, wenn man sich für eine Million Punkte einmal mit der Staatseskorte zuhause abholen und zur Arbeit fahren lassen könnte. Gut, das kostet, aber im Vergleich zum geleisteten Einsatz des Bürgers sind die Kosten überschaubar.

Und Steuerzahlungen sind ja nur eine Leistung des Bürgers, die der Staat belohnen könnte. Ehrenamtliches Engagement könnte auch Teil des Systems sein, der Einsatz in der Flüchtlingshilfe, die Betreuung einer Pfadfindergruppe, die Mitarbeit im Vorstand eines Sportvereins. Ebenso könnte der Staat es honorieren, wenn ein Arbeitnehmer eine bestimmte Anzahl von Arbeitsplätzen schafft, oder wenn eine Gruppe von Bürgern gemeinsam in privater Initiative eine Leistung vollbringt, die der Gesellschaft nützt, wenn sie Parkanlagen säubert oder die Überdachung einer Bushaltestelle baut. Oder wenn ein Bürger wählen geht. All dies sind Leistungen, an denen der Staat ein Interesse hat und die ihnen entlasten. Da wäre doch durchaus angebracht, wenn der Staat diese Leistungen auch honorieren würde. Der Bürger würde es ihm mit Treue danken.

Bürgerbeteiligung

Anzeige: