Warum ich lieber Día de los Muertos feiern würde

In der Nacht zum 1. November, so wird seit alter Zeit erzählt, ist die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten am durchlässigsten. Wenn wir das glauben wollen, soll es in dieser Nacht am wahrscheinlichsten sein, mit den Verstorbenen in Kontakt zu treten. Die alten Kelten feierten in der ersten Novembernacht ein Fest, dass sie Samhain nannten, und auch heute gibt es noch einige Zwielichtige, die dieses Fest zelebrieren; die meisten von uns sind aber wohl eher vertraut mit dem derzeit überall präsenten, zeitgleich veranstalteten Halloween.

Zumindest hierzulande scheint mir Halloween allerdings keine tiefere kulturelle Bedeutung zu haben, es sei denn, man versteht das exzessive Kaufen von Kostümbestandteilen, Dekoration und Süßigkeiten für das inzwischen auch hier fest verankerte Trick-or-Treat-Spiel als Selbstversicherung unserer Kultur (wäre ja vielleicht auch nicht ganz an den Haaren herbeigezogen).

Auf den ersten Blick mag der Tag der Toten in Mexiko auch nicht viel mehr sein als ein Karneval des Kommerzes, mit seinen knallbunten, makabren Kostümen und Dekorationen, die jedes Jahr unzählige Touristen aus aller Welt anlocken. Im Kern dieser Totenparty findet sich allerdings eine interessante Philosophie, die sich aus dem übrigens sehr faszinierenden Todeskult der guten, alten Azteken ableitet: „Life is but a dream – only in death are we truly awake“ (s. Referenz).

Wenn man den Tod als einzig „realen“ menschlichen Zustand versteht, verliert er einiges von seinem Schrecken, der hierzulande v.a. durch die gesellschaftliche Tabuisierung immer weiter konserviert wird. Der unbeschwerte Umgang mit dem Tod, den wir in den Bräuchen des Día de los Muertos wahrnehmen, ist das genaue Gegenteil unseres furchtsamen Ausblendens des Unvermeidlichen. Was soll es denn auch bringen, sich ein Leben lang vor etwas zu fürchten, das uns und alle unsere Liebsten sowieso früher oder später heimsucht? Und warum die Toten betrauern, wenn man sie stattdessen hochleben lassen kann? Diese Gedanken scheinen sich im verspielt-fröhlichen Zurschaustellen von Todessymbolen widerzuspiegeln, den man beim Día de los Muertos erlebt.

Mir persönlich gefällt die Idee einer Party auf dem Friedhof, mit Essen, Trinken, Musik und allem Zipp und Zapp. Undenkbar z.B. hierzulande, wo wir Allerheiligen damit „feiern“, einen trostlosen Kranz aus Wintergestrüpp auf Opas Grab zu legen und dazu noch eine Kerze anzuzünden, wenn wir nicht gerade mal wieder zu faul sind, zum Friedhof zu fahren. Warum nicht stattdessen, wie in der BBC-Dokumentation, die Erinnerung an den lebenden Opa mit der Zubereitung seines Lieblingsessens heraufbeschwören (beim Geruch von Linsensuppe mit Heißwürstchen wird meine Erinnerung jedenfalls sehr lebendig) und ihm Schnaps und Zigarillos aufs Grab bringen? Wenn man sich wirklich an die Toten erinnern will, so wie sie waren, als sie noch lebten, scheint mir das irgendwie der vielversprechendere Ansatz zu sein als alles, was wir hierzulande an Halloween und Allerheiligen veranstalten.

(Leider hatte ich bis jetzt noch nicht die Gelegenheit, den Tag der Toten selbst mitzuerleben, von daher freue ich mich über Re-Comments, falls ich irgendwas falsch wiedergegeben habe. Alles, was ich über den Día de los Muertos weiß, basiert auf der referenzierten BBC-Doku, ein paar Büchern und Artikeln aus dem Netz.)

Halloween

https://www.youtube.com/watch?v=JFt8-WdstQA

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