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Was darf die Kunst? oder: Tyler, the Creator vs Australien

Tyler, the Creator gehört eigentlich nicht zu den Typen, denen man nachts auf der Straße nicht begegnen möchte. Der 24-jährige Rapper aus L.A. steht für eine Richtung, die mal Alternative Hip Hop, mal Hipster Rap genannt wird – postmoderne Sounds, ironische Brechung, alles sehr meta.

Doch die vermeintliche Unernsthaftigkeit wird Tyler jetzt vielleicht, zum wiederholten Male, zum Verhängnis. Seine Texte strotzen nämlich nur so von Gewaltfantasien, Darstellungen von Vergewaltigung, Mord und Gewalt gegen Frauen. Das bringt ihm jetzt vielleicht ein Einreiseverbot nach Australien ein.

Explizite Texte sind natürlich nicht neu im Musikbusiness. Johnny Cash schrieb 1955 „I shot a man in Reno, just to watch him die“, Bob Marley sang 1973 „I Shot the Sheriff“ und Hüsker Dü 1983 „We could cruise down Robert Street all night long / But I think I'll just rape you and kill you instead“.

Der so genannte gesunde Menschenverstand vermittelt der/dem Hörer/in hier aber immer eine Grenze zwischen Fiktion und Authentizität. Viele Songtexte nehmen Positionen dritter Personen ein und wollen (teils problematische) Ansichten darstellen, nicht propagieren.

Rap hat hier spätestens seit Anfang der 90er – seit Gangsta-Rap groß wurde – eine besondere Stellung (ähnlich zum politisch radikalen Punk der 80er). Die Authentizität und Street Credibility der Protagonisten beeindruckte angesichts der schlimmeren Verirrungen von Pop und Pop-Rock. Als die Plattenbosse dann bemerkten, dass sich explizite Inhalte 1:1 in Verkäufe umsetzen ließen, folgten der Mainstream-Erfolg und die Versuche, jeden Rapper als härtesten Hund des Blocks erscheinen zu lassen.

Hier liegt das Problem: Einem Bushido nehme ich seine Homophobie leider ab, wenn er dutzende Male „Schwuchtel“ rappt. „Schwanz ab“ von den Ärzten oder auch Texte von Rammstein gehen da anders in meinen Kopf ein. Vielleicht durften deswegen Atari Teenage Riot „Deutschland has gotta die“ singen, Slime aber nicht „Deutschland muss sterben“.

Bei Tyler ist das Ganze komplizierter. Er benutzt Ausdrücke wie „Bitch“ oder „Faggot“ regelmäßig, auch auf Twitter – betont aber stets, nicht frauen- oder schwulenfeindlich zu sein. Tatsächlich befindet sich in seiner Crew Odd Future seit 2010 auch der Rapper Frank Ocean, dessen Coming Out als homosexuell interessierter Mensch 2012 große Wellen in den US-Medien schlug. Tyler sicherte ihm dabei ausdrücklich seine Unterstützung zu.

Ist es also ganz einfach und Tylers Lyrics sind Kunst, die bekanntlich alles darf? Ob er homophob oder ein Frauenfeind ist, Vergewaltigung oder Mord befürwortet, darf stark bezweifelt werden. Ein Dementi, dass seine Texte reine Fiktion sind, sollte man ebenso wenig erwarten – das gehört einfach zum Spiel zwischen PR und (sozialen) Medien dazu, im Entertainment allgemein und im Hip Hop speziell.

Trotzdem ist nicht alles postmoderner Sonnenschein: Die Bemühungen von australischen Feministinnen, Tyler die Einreise zumindest zu erschweren, dauern schon einige Zeit an. Bei einem Konzert in Sydney beschwerte sich Tyler 2013 lautstark darüber, ohne zu wissen, dass die Angesprochene im Publikum war: „Fucking bitch, I wish she could hear me call her a bitch, too, fucking whore. Yeah, I got a sold-out show right now bitch. Hey this fucking song is dedicated to you, you fucking cunt.“

Ironie und Image hin oder her – mit einem solchen Verhalten kann der noch so hippste Rapper von mir keine Sympathien erwarten.

Tyler, the Creator

http://www.factmag.com/2015/07/27/tyler-the-creator-is-now-banned-from-australia/