Was sein muss, muss sein!

Ich stand schweigend vor dem Spiegel, während meine Freundin mich präparierte, bis ich aussah, wie ein totes Tier. Sie machte mich gerade schön, wie sie es nannte. Diesmal war es ihre Geburtstagsparty. Jetzt suchte sie auch noch die Schuhe aus. Sie sagte, ich wäre eine Dusseline, was Mode anging. Mit leicht geneigtem Kopf starrte ich das Resultat im Spiegel an. Evi hatte mir einen weiten und sehr grauen Omi-Hosenrock mit Plisseefalten angezogen. Damit war mein Hintern verschwunden. Dazu einen schwarzen wollenen Schwangerschaftspullover, der so weit war, dass ich für Sechslinge Platz gehabt hätte. Und schwupp, war mein Busen weg. Die Haare hatte sie mir als Nest oben auf den Kopf gepfropft. Damit waren meine grossen Segelohren im Wind und ich bereit zum Abheben. Die dicke blaue Schminke um die Augen legte auch mehr einen Unfall, den eine Verschönerung nahe. Ja, ich sah aus wie eine Fledermaus auf Koks! Zumindest der Adams Family hätte ich alle Ehre gemacht. Meinte Evi das ernst? Ja, tat sie. Jedesmal. Jetzt kam sie doch tatsächlich noch mit schwarzen Lederstiefeln. Damit würden die Männer endgültig in Scharen auf der Flucht sein und ich zum ultimativen Verhütungsmittel mutieren. Ich kräuselte die blutroten Lippen unter dem himmelblauen Lidschatten und entschied mich, still zu sein. Ich war bereit das durchzuziehen, denn schliesslich hatte sie ja heute Geburtstag und ich wollte ihr etwas zurückgeben. Evi allerdings sah hinreissend aus in ihrem engen schwarzen Kleidchen, obwohl sie nicht meine schlanke Figur hatte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Aber was sein muss, muss nun mal sein. Das Geburtstagsfest war nett. Das heisst ruhig, elegant und somit völlig überflüssig. Evi und ihre Gäste waren im Luxusmodus gekleidet und balancierten ihre stinkenden Kaviarhäppchen durch die Gegend. Ich hasste diese nach Fisch stinkende Marmelade. Dazu passte ich nicht in diese Gesellschaft mit meinen Ohren und der fehlenden grazilen Haltung. Von der mittlerweile exotischen Kleidung ganz abgesehen. Jetzt war es soweit! Sie ging zu ihrem Gabentisch und fing an, die Geschenke auszupacken. Da kam Schmuck und sonstiger Glitzer ans Tageslicht. Gespannt wartete ich drauf, bis sie anfing mein Geschenk aufzureissen. Dann endlich, war sie an der Luft, die neue Handtasche. Evi hielt sie in den Händen und starrte darauf, als hätte sie eine Ratte zum Mittagessen serviert gekriegt. Es war eine Plastiktasche mit Tigermuster. Aber nicht nur ein wenig, nein, das ganze Gebilde war ein einziges peinliches Streifendesaster. Alle sahen es. Und Evi? Die stotterte ein verzweifeltes Dankeschön und liess die Tasche sofort angeekelt auf den nächsten Stuhl fallen, als ob sie sich davon eine Infektion einfangen würde. In die entsetzte Stille hinein, erklärte ich ihr unschuldig, dass das die Tasche vom gestrigen Einkauf wäre, die ihr so gut gefallen hätte an mir und die sie so absolut toll fand. Sogleich ging ein entsetztes Raunen durch den Raum und Evi wurde unter ihrer rosa Schminke leichenblass. Höchst unangenehm berührt, von so viel Geschmacklosigkeit meinerseits, setzten sich alle an den Tisch und nahmen das Gespräch wieder auf. Ich wurde gemieden wie die Pest, bis der Hummer serviert wurde. Das Vieh starrte mich ebenfalls anklagend an! Ich kann Essen nicht ausstehen, dass mich anguckt. Dann kam Evis Hund. Ein chinesischer Chow-Chow. Ich nutzte eine kleine Pause im Gesprächs Getümmel und erklärte Evi und ihrer Gesellschaft, ohne ersichtliche Motivation natürlich, dass diese Hunde in China gegessen wurden. Da ich erstaunlicherweise auch noch mit dem Rezept vertraut war, legte ich dies auch noch nach, damit sich alle ein genaues Bild machen konnten. Das förderte bei der Geburtstagsgesellschaft nicht gerade den Appetit. Und ich glaube, Evi musste sich übergeben. Jedenfalls war sie wie der Wind auf der Toilette. Danach hat sie nie mehr versucht, mich hässlich oder schlecht zu machen, damit sie besser dasteht. Ja, es musste sein!

Mobbing, Freunde

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