Unsere Datenschutzrichtlinien haben sich geändert. Die aktuelle Version finden Sie hier

We have updated our privacy terms. Please review the current version here

Diese Website nutzt Cookies um Inhalte zu personalisieren, Zugriffe zu analysieren und Dir ein optimales Nutzungserlebnis zu ermöglichen. mehr erfahren

This website uses cookies to personalize contents, track site usage and ensure you get the best experience on our website. learn more

Waschsalons

Meine letzte Waschmaschine hat vor etwa zehn Jahren ihren Geist an den Nagel gehängt und aus dem Ansinnen heraus mal vorübergehend für nen Quickie in den nahegelegendsten Waschsalon auszuweichen wurde eine stabile Langzeitbeziehung.
Ich möchte heute nicht mehr, dass wir zusammen wohnen, ich finde es prima, dass sie schon lange ganz woanders wohnt. Sie und ihre eineiigen Zwillinge. Wobei Zwei sind sagen wir üppig. Zwei Weitere schwer adipös: Mehrere Sechs-Kilo-Maschinen, zwei Zwölf-Kilo- und zwei Achtzehn-Kilo-Maschinen.
In all den Jahren hat sich diese Einrichtung in meinen Augen von einer rein haushaltstechnischen Nothilfe hin zu einer gewandelt, die für mich eher etwas von einem sakralen Rückzugsort zeitigt. Sie ist ein Tempel der Kontemplation, in dem die Gesetze von Raum und Zeit, wenn schon nicht gänzlich aufgehoben, so doch ein klein wenig aufgeweicht erscheinen. Eine Oase der Zeit, inmitten dieser Wüste meiner Existenz, in der ich das Meiste an Zeit unwiederbringlich ausschwitze. Wenn meine Maschine läuft, bleibt mir erst mal nichts weiter zu tun.
Man hockt da und es wird gewaschen. Man ist ganz auf sich selbst zurückgeworfen, dazu verdammt, etwas Bereicherndes zu tun. Das fängt beim bloßen Existieren und Atmen an. Oder man liest ein Buch. Oder lauscht den wirren Lebensgeschichten irgendwelcher mitteilsamen Freaks, bis diese auch wirklich komplett auserzählt sind. Wozu weglaufen? Der Tempel stiftet die Zeit und du das willige Gehör.
Freaks ist das Stichwort. Waschsalons sind auch wie Raststätten an den Highways des Irrsinns. Hier schlagen sie alle früher oder später auf. Und wahrscheinlich bin ich längst einer von ihnen. "...Gooble Gobble one of us, one of us..."
Da ist die alternde türkische arbeitslose Mama, die nicht nur hier wäscht, sondern auch so etwas wie der technische Berater für all jene ist, die zum ersten Mal einen Waschsalon betreten und nicht wissen, wie die Apparaturen zu bedienen sind, oder überhaupt das erste Mal vor dem Problem stehen selbst waschen zu müssen, weil ihnen ihre Beziehung gerade um die Ohren flog. Anne ist so gut wie immer da.
Oder der Typ mit den kaputten Zähnen, der laut eigener Schilderung schon seit mehr als zwanzig Jahren mit der Justiz schwer im Clinch liegt, weil er wegen eines glimpflich verlaufenen, von ihm selbstredend nicht verschuldeten, Auffahrunfalls und den zahllosen daraus erfolgten Fehlurteilen durch Gerichte, Gutachter und Psychologen schon lange finanziell ruiniert ist und Jahre zudem im Knast zugebracht hat. Dabei erzählt er seine unglaubliche Schauermär derartig schlüssig und gespickt mit Details, dass ich nicht weiß, ob ich es mit einem genialen Nachfahren Baron Münchhausens, einem hochintelligenten Wahnsinnigen, oder tatsächlich der ärmsten Sau auf Erden zu tun habe.
Und dann ist da ein Mensch, der beispielsweise, wenn er mal nicht irgend etwas liest, oder tumb auf sein Smartphone starrt, gerne dasitzt und die Leute analysiert. Manchmal kommt er nur zum Lesen hierher. Denn es gibt immerhin einen Snack-Automaten, einen Getränkeautomaten, einen Kaffeeautomaten und einen Massagestuhl, auf dem man sich gegen Bares zwanzig Minuten lang durchwalken lassen kann. Ein Bücherregal existiert ebenfalls. Mit Büchern! Einige Male hat er sich sogar in den Waschsalon einschließen lassen, auch ob des bloßen Nervenkitzels wegen. Das geschieht übrigens automatisch. Gegen 23:15 Uhr fällt die Türe wie von Geisterhand zu und eine Viertelstunde später geht das Licht aus. Man kann dann noch hinaus, aber rein kommt man nicht mehr. Man könnte also theoretisch die ganze Nacht bleiben und waschen. Im Dunkeln. Die Maschinen funktionieren immer. Das hat er übrigens auch schon getan. Es lohnt sich also, fünf Minuten vor offizieller Schließung diesen wunderlichen Ort noch aufzusuchen. Dann bekommt man seine Wäsche notfalls immer noch gewaschen. Ein Nachtsichtgerät könnte dann allerdings nützlich sein.
Nicht selten sitzt dieser Mensch herum und denkt sich komische Kurzfilme aus, die man hier drehen könnte. Okay, ich glaube es ist mittlerweile offensichtlich. Ich spreche unlängst von mir selbst. Ich liebe den widerlichen Automatenkaffee und der Massagestuhl hat mich schon einige Silbermünzen gekostet. Ein Nachtsichtgerät habe ich noch nicht gebraucht, das Licht eines Handys reicht beim Waschen im Finsteren vollkommen. Es stimmt, ich würde hier gerne mal einen Kurzfilm drehen. Mit Zombies! "Laundromat Zombie", ein Titel, der schon seit Äonen in meinem Kopf umherspukt. Alles würde sich nur in dem Salon abspielen. In etwa so: Ein Typ flüchtet sich vor der Zombie-Apokalypse hierher und wird mit Zombies eingeschlossen. Der Shorty würde allein daraus bestehen, wie dieser jemand darum kämpft zu überleben, eingepfercht mit Zombies auf engstem Raum, die auf groteske Weise versuchen ihre Wäsche zu waschen, aus einer verblassenden Erinnerung heraus. Da muss man sich schon was einfallen lassen! Ist das verrückt? "...Gooble Gobble one of us, one of us..."

Ein Waschsalon ist ein inspirierender magischer Ort voller Wunder und Mysterien. Wenn es Portale in eine andere Dimension oder gar ins Jenseits gibt, dann ganz bestimmt hier! Und Trockner finde ich einfach super...Gooble Gobble...

Waschsalons