Weltbürgerrecht, Weltbürgerpflicht - eine Annäherung mit Kant und Slime

In Kants berühmter Schrift „Zum ewigen Frieden“ finden sich einige Ansätze, die in Bezug auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte nicht uninteressant sind, wenn man das Ganze philosophisch betrachten will - und schaden kann es ja vielleicht nicht.

Auf nur wenigen Seiten wagte Kant im Jahr 1795 den Entwurf einer globalen Rechtsordnung, die den dauerhaften, weltweiten Friedenszustand herbeiführen soll (der allerdings, wie wir wissen, bis heute nicht eingetreten ist, obwohl inzwischen viele der in Kants „Friedensschrift“ formulierten Grundsätze politisch umgesetzt werden, etwa in der Charta der Vereinten Nationen, aber das ist ein anderes Thema).

In seinem Entwurf „Zum ewigen Frieden“ geht Kant realistischerweise von einer „Bösartigkeit der menschlichen Natur“ (17) aus und konstruiert entsprechend einen Komplex von Grundsätzen, die auf Recht und Vernunft, und nicht etwa auf Philanthropie gründen (21). Wenn alle diese Grundsätze verwirklicht würden, könnte nach Kant der weltweite Frieden Realität werden, wie er in seiner „Friedensschrift“ akribisch darlegt.

In Bezug auf die Flüchtlingsdebatte ist v.a. der Dritte Definitivartikel von Interesse. Darin geht es um das sogenannte Weltbürgerrecht, das eine für den angestrebten Weltfrieden notwendige Ergänzung zum zuvor beschriebenen Staats- und Völkerrecht darstellt. Das Weltbürgerrecht soll nach Kant auf allgemeiner Hospitalität gründen. Damit ist „das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern wegen von diesem nicht feindselig behandelt zu werden“ (21) gemeint. Dieses Recht begründet Kant mit dem der Menschheit gemeinsamen Besitz der räumlich begrenzten Erdoberfläche, wobei im Grunde aber „niemand an einem Orte der Erde zu sein mehr Recht hat als der andere“ (21).

Ein „Fremder“ hat demzufolge nach Kant das Recht, sich einer jeden anderen Gesellschaft als Mitglied anzubieten. Das pot. Aufnahmeland verfügt seinerseits über das Recht, den Ankömmling abzuweisen, aber nur „wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann“ (21), darf sich dem „Fremden“ gegenüber aber nicht feindselig verhalten, so lange dieser sich friedlich verhält.

Der Begriff „Untergang“ ist in diesem Kontext problematisch, denn wir wissen nicht, ob Kant von einer unmittelbaren, physischen Auslöschung der um Aufnahme bittenden Person spricht (bspw. Kriegsflüchtlinge) oder ob auch ein mittelbarer „Untergang“ gemeint sein kann, was auch sog. Wirtschaftsflüchtlinge mit einschließen würde.

Die Antwort gibt Kant zwischen den Zeilen selbst, wenn er sich auf die (ja, schon damals) zunehmende Vernetzung der Welt bezieht, die in allen Bereichen dazu führt, dass „die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird“ (24) und die also mit einer gewissen globalen Verantwortung einhergeht.

Heute mehr denn je bedeutet das: Wie wir uns in unserem wirtschaftlich ach so gebeutelten Land aufführen, z.B. durch unser Konsum- und Wahlverhalten, hat zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt Effekte, und diese Effekte bündeln sich.

Weil wir mit diesen Effekten normalerweise nicht direkt konfrontiert werden, fehlt uns das Bewusstsein für diese Verantwortung und somit auch die Einsicht, dass wir mit der sog. Flüchtlingswelle nur das ernten, was wir (allein schon als Steuerzahler*innen), unsere Vorfahren und v.a. die von ihnen und uns gewählten Entscheidungsträger über lange Zeit gesät haben.

Nun müssen wir den Konsequenzen eben mal wortwörtlich in die Augen sehen, und das hat auf viele bekanntlich eine beunruhigende Wirkung, weil sie ihre v.a. materiellen Privilegien bedroht sehen.

Anstatt dieses Angstgefühl weiter zu kultivieren, ist es, und das würde Kant im Sinne des „ewigen Friedens“ sicher nicht anders bewerten, höchste Zeit für ein grundsätzliches Umdenken. Das bedeutet: Die Mitverantwortung für das weltweite Geschehen anzunehmen, spätestens, wenn es sich in unserem unmittelbaren Gesichtsfeld manifestiert, und Geflüchteten im Sinne einer allgemeinen Hospitalität, wenn schon nicht freundlich, so doch zumindest nicht feindselig zu begegnen.

Auf die Privilegien, die uns zufällig aufgrund unseres Geburtsortes zugefallen sind, haben wir kein naturgegebenes und exklusives Anrecht (und selbst wenn es so wäre: wer sollte es im Zweifelsfall durchsetzen?). Dieses Land und alles, was darin im relativen Überfluss vorhanden ist, g e h ö r t uns nicht - was aber natürlich keineswegs bedeutet, dass wir keine Verantwortung dafür tragen, was in diesem Land passiert.

In „unserem“ Schlaraffenland, wo wir es als Riesenproblem empfinden, wenn wir mal ein paar Minuten kein WLAN haben, können wir uns kaum in die Perspektive von Menschen hineinversetzen, die aus Kriegsgebieten geflüchtet sind. Aber wir könnten es ja im Rahmen unserer Möglichkeiten zumindest mal versuchen, und, über Kant hinaus gedacht, trotz der vll. gegebenen „Bösartigkeit der menschlichen Natur“ hin und wieder etwas Empathie und Freundlichkeit aufbringen gegenüber denjenigen, die um Aufnahme in „unser“ Land bitten. Nicht, um uns hinterher in unserem Samariterglanz zu sonnen, sondern weil es unsere Pflicht als Weltbürger*innen sein sollte, so wir uns denn als solche verstehen wollen (und alles andere macht in diesem Status der globalen Vernetzung m. E. sowieso keinen Sinn).

Um es mal mit einem Zitat meiner Lieblingsdeutschpunkband Slime auf den Punkt zu bringen: „Goldene Türme wachsen nicht endlos, sie stürzen ein.“ Deal with it, Deutschland. Und wenn du es schaffen solltest, diese Aufgabe anzunehmen und dich dabei nicht wie ein Arschloch aufzuführen, dann wird es vielleicht gar nicht so furchtbar, wie du denkst.

Flüchtlingsdebatte

https://www.youtube.com/watch?v=ctuGJNPtDcQ

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