Weltuntergang? Heut' wär ich dabei!

Verzeiht mir meine Bildungslücke, aber da ich mich der medialen Welt nahezu abgewendet habe - und meine Facebook-Freunde heute offenbar ihre Prioritäten ausschließlich auf "kein Schwanz ist härter als das Leben"-Zitate gelegt haben- scheint die aktuellste apokalyptische Prophezeihung wohl an mir vorbei gegangen zu sein. Aber auch wenn ich die näheren Umstände wüsste, würde ich dem Ganzen wohl auch nicht mehr viel Bedeutung oder gar Angst beimessen, da ich diesbezüglich einfach zu oft enttäuscht wurde.

Am Tag der totalen Sonnenfinsternis im Sommer 1998 z.B. hatte ich all' meine Hoffnung auf Nostradamus gesetzt, denn er wäre meine letzte Chance gewesen, von meiner am selben Tag erstandenen und völlig missglückten Dauerwelle abzulenken. Instant Karma, denn ironischerweise hatte ich die Frisur damals finanziert durch den illegalen Verkauf von dreißig Sonnenfinsternis-Brillen auf dem Schulhof. Ich nahm Wucherpreise, dabei hatte ich die Brillen bei einem Gewinnspiel der ARD für meine "Schulklasse" gewonnen.

Plan B, der Nostradamus'sche Ausweichtermin, sorgte lediglich für Höllenlärm und krasses Gewitter, das krasseste, was ich seither erlebt hatte. Trotzdem, die Frisur saß.

Als zur Milleniumwende neben jeder Menge 2000-er Bugs wieder mal Armageddon vorhergesagt wurde, gingen dabei lediglich meine Kaffeemaschine und mein Steißbein zu Bruch, beides aufgrund stinknormaler Gravitation und der Rest der Welt bekam hiervon - wie so oft bei Missgeschicken meiner Art- nichts mit.

Auch der durch den Maya-Kalender zunächst für den 21.12.2012 vorausgesagte Weltuntergang blieb aus, dabei zelebrierte ich die Vorbereitung auf das Happening damals sogar mit einem Maya-Adventskalender. Dieser bestand aus 22 Türchen, das letzte war beschriftet mit "The day after". Weil es die Welt noch gab, habe es geöffnet. Zum Vorschein kam ein Foto von einem Typen in einer mit Wasser gefüllten Badewanne, mit einem Föhn in der Hand und einem Shirt mit dem Aufdruck "Last christmas".
Mit Abstand betrachtet, war es das eigentlich wert.

Ja und genau das ist es eigentlich. Nicht das Foto in diesem Kalender, auch wenn's cool war, sondern alles, was es wert war, dass sich die Welt heute noch dreht. So knüpfe ich an den Ur-Kommentar von Karin Elisabeth an: Es stimmt, niemand würde sich an mich erinnern und auch nicht an mein Kind, nicht an meine unerfüllten To-Do-Listen, (was übrigens mein aktueller best case wäre), an nichts, was heute mich, meine Familie, meine Freunde, meine Werke und Werte ausmacht. An manchen Tagen würde mir diese Vorstellung vermutlich Unbehagen bereiten, denn ich gebe zu, diese Dauerwelle war schlimm, keine Frage, aber heute bin ich schon ganz froh, sie und allerhand Nachfolgendes überlebt zu haben. Ich hab Angst vorm Tod, ich will nicht sterben. Heute schon gar nicht.

Warum eigentlich nicht? - Natürlich vor allem deswegen, weil ich nicht weiß, was danach kommt. Vielleicht das Paradies, vielleicht aber auch das jüngste Gericht und mein Gefühl sagt mir, dass ich da nicht bloß mit ein paar Sozialstunden davonkäme. Viel schlimmer finde ich aber noch die Vorstellung, wie traurig die Menschen, die ich liebe und die mich lieben, wären, wenn ich heute sterben würde. Das klingt vielleicht überheblich, aber das Wissen um ihren Schmerz treibt mir die Tränen in die Augen. Wenn ich tot bin ist mir das vermutlich egal, aber grade in diesem Moment, in dem ich darüber nachdenke, bin ich nicht tot.. Ich verheddere mich.

Apokalypse erscheint mir da eigentlich die beste Lösung: Niemand würde um mich trauern, ich würde weder aufwendigen noch peinlichen Papierkram hinterlassen und praktischerweise würde auch niemand mir sowas hinterlassen. Alles weg. Das ist der erste, tröstende Punkt.
Der zweite ist, dass ich heute, aktuell, in dieser MInute unfassbar glücklich bin. Mit dem, was ich in meinem Leben geleistet aber auch mit dem, was ich verkackt habe, mein Kind ist glücklich und es geht ihm gut und noch heute hatte ich ein sehr berührendes Gespräch mit meinem Freund und ich hatte die Gelegenheit, ihm zu sagen, dass ich ihn liebe,nicht floskelhaft, sondern aus tiefstem Herzen. Würde heute die Welt untergehen, bliebe nichts unausgesprochen. Würde ich an die Apokalypse glauben, sollte ich jetzt, um 23.15Uhr wohl meine Eltern und meine Geschwister anrufen und es ihnen ebenfalls sagen, dass ich sie liebe .Ganz unfloskelhaft, aber sie würden mich vermutlich (wiedermal) für geisteskrank halten. Da sie aber sowieso wissen, dass ich sie liebe, kann ich das notfalls sogar unausgesprochen lassen. Also wenn schon sterben, dann gerne heute. Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist und es wäre wirklich ein gutes Ende.

it's a nice day to die today.
The end.

#apocalypsewednesday