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Weltuntergangsstimmung

Mit leichtem Tremor und dem unwiderstehlichen Drang, mich mit beiden Händen an der Erde festzukrallen, kam ich aus dem Kino, nachdem ich „Melancholia“ das erste Mal gesehen hatte. Erschüttert, geflasht und absolut begeistert von Lars von Triers meisterhafter Weltuntergangsvision, emotional wie erschlagen von dem Planeten namens „Melancholia“, der, wie schon die Ouvertüre verrät, am Ende mit der Erde kollidieren wird.
In erster Linie hat mich dieser Film so aufgewühlt, weil er in mir einen alten Schrecken wiederbelebt hat: Als Kind habe ich nachts oft stundenlang wachgelegen vor lauter Angst, dass es jederzeit so weit sein könnte - das hatte mir nämlich meine Oma erzählt. Nächtelang habe ich mir das Szenario mit aller Feuersbrunst und Finsternis vorgestellt. Und ein bisschen Faszination war auch damals schon dabei, das gebe ich zu. Die hoffnungslos morbide Atmosphäre von „Melancholia“ hat diese Faszination genauso wie den Schrecken wieder angetriggert. Man mag mich für gestört halten, aber ich genieße dieses seltsame Mischgefühl ein bisschen und habe mir den Film inzwischen öfter angesehen, als wahrscheinlich gut für mich ist ;)
„Melancholia“ ist allerdings nur an der Oberfläche eine Geschichte über den Weltuntergang, sondern vor allem eine Parabel über Depression, ein Zustand, der dem Regisseur selbst sehr vertraut ist, wie er in Interviews immer wieder betont hat.
Personifiziert wird die Krankheit im Film durch eine der beiden Protagonistinnen, Justine, beängstigend gut gespielt von Kirsten Dunst. Niemand hat Verständnis für Justine, die nicht mal an ihrer eigenen Hochzeit „glücklich“ sein kann, so, wie man es von ihr erwartet. In jener Hochzeitsnacht wird die Kluft zwischen ihr und ihrer Umgebung unüberwindbar, Justine kappt fast alle persönlichen Bindungen, die Ehe ist zu Ende, bevor sie überhaupt angefangen hat. Stattdessen vermählt sich die Braut mit dem nahenden Untergang, den außer ihr noch niemand wahrnimmt. Zynischerweise der Beginn einer Erlösung: Bislang hatte Justines Verzweiflung keinen Gegenstand, auf den sie sich zurückführen ließ - mit „Melancholia“ bekommt sie sozusagen ein Objekt und damit eine Art von Legitimation. Die monumentalen Bilder, die von Trier findet, um Justines Krankheit zu beschreiben, sind ebenso atemberaubend schön wie verstörend: Justine, die im Brautkleid einen Fluss hinunter treibt, die versucht, sich fortzubewegen, während graue Gespinste sich um ihre Beine wickeln, Justine, aus deren Fingern sich Stromfäden in den Himmel schlängeln, von wo das Ende der Welt naht. Es sind surreale, elektrisierende, tief beunruhigende Bilder, die man in dieser Art wirklich noch nie gesehen hat und die man garantiert nie mehr vergisst.
Auf der anderen Seite gibt es Claire (ebenfalls stark: Charlotte Gainsbourg), Justines Schwester. Sie ist die Gesunde, die Vernünftige, hat einen Mann und einen kleinen Sohn, und ihre größte Sorge gilt ihrer kranken Schwester. Bis „Melancholia“ kommt und sich die Rollen verkehren: Während Claire immer mehr in Panik verfällt, scheint Justine intuitiv zu wissen, was zu tun ist...
Und am Ende bleibt die garstige Moral: Im Angesicht des Untergangs sind es die Hoffnungslosen, die zuletzt lachen. Denn sie haben die ganze Zeit recht gehabt.

Melancholia

https://www.youtube.com/watch?v=ZuvvdIMGoGI