Wer die N****-Bombe zündet

Viele Leute mögen 'political correctness' nicht, vermuten sie dahinter doch Orwells Neusprech, eine verbale Diktatur der 'Gutmenschen', die ausmerzen soll, was uns kulturell lieb und teuer ist. Plötzlich sind die süßen Naschereien aus der Kindheit nicht mehr nur harmlose Schaumküsse, sondern politische Sprengsätze, die unschuldige Kindheitserinnerungen korrumpieren.

Ganz ehrlich: Es tut mir kein bisschen leid, um diese Kindheitserinnerungen. Denn die damit einhergehenden Begriffe wie 'Negerkuss' oder das Bild des 'Sarotti-Mohr' gehörten eingemottet. Wer sich tatsächlich ein wenig mit Kolonialgeschichte und der Geschichte von Rassismus beschäftigt, kann nur zu diesem Schluss kommen. Da hilft es auch nicht, auf die vermeintlich neutrale Wurzel des Begriffs 'Neger' zu verweisen. Um das mal anhand einer etwas drastischeren Analogie deutlich zu machen: Wer in Deutschland eine Hakenkreuzfahne hisst mit dem Hinweis, das sei doch nur ein hinduistisches Sonnensymbol, der muss sich nicht wundern, dass er damit, salopp gesagt, aneckt.

Wer aus sentimentalen Gründen und trotz besseren Wissens an seinen Kindheitserinnerungen festhalten will, ist in den besten Fällen kulturell unsensibel, im schlimmsten Fall Rassist*in. Aber auf jeden Fall nimmt man willentlich in Kauf, dass man die afro-deutsche Bevölkerung beleidigt. PC sein hat deswegen auch rein gar nichts mit einer Einschränkung meines Sprachgebrauchs zu tun, sondern mit Respekt, den ich meinen Mitmenschen entgegen bringen möchte.

Herr Hermann mag kein Rassist sein, aber mit seinem verbalen Ausrutscher zeigte er sich zumindest respektlos und höchst unsensibel. Wer es bis hierhin immer noch schwer nachvollziehbar findet, dass Herr Herrmanns Äußerung zu Recht kritisiert wird, der solle sich doch vorstellen, er hätte Folgendes gesagt: "Der Fatih Akin war auch ein ganz wunderbarer Muselmann."

Es interessiert mich auch ehrlich gesagt nicht, dass Herrmann dabei das Wort nur benutzt hat, weil es bereits zuvor die Runde in der Talkshow gemacht hat. Seine Aufgabe wäre es gewesen, darauf hinzuweisen, dass das Wort 'Neger' nur in einem historischen Diskurs oder einer Debatte um Rassismus Relevanz hat und nicht, wenn man von seinen (deutschen) Mitbürger*innen spricht. Das kann man von einem aufgeklärten Menschen erwarten. Herrmann hat in den letzten zwanzig Jahren nicht unter einem Stein gelebt, sondern aktiv den politischen Diskurs mitgestaltet. Zwangsläufig wird er um die Begriffsgeschichte gewusst haben. Deswegen ist seine Aussage nicht nur respektlos, sondern auch dumm-dreist und beleidigend.

Flüchtlingsdebatte

https://youtu.be/Tn9-v9jIIJg