Wider die Selbstgerechtigkeit

Ich lese derzeit ein Buch, das von einer ehemaligen Lehrerin an meiner alten Schule und Mutter einer Abi-Kollegin geschrieben wurde. Das Buch trägt den Titel „Auch ich war ein Hitler-Mädchen“. In einer sehr ehrlichen Weise beschreibt die Autorin, die dem Geburtsjahrgang 1928 entstammt, wie sie in einer nationalsozialistischen Familie aufwuchs und auch durch die Jugendarbeit der Nationalsozialisten kaum anders konnte, als selbst zu einer überzeugten Nationalsozialistin zu werden, die das Kriegsende nicht als Befreiung, sondern als Niederlage erlebte. Im Grunde genommen muss man zu dem Schluss kommen, dass die Autorin nur durch ihre späte Geburt – bei Kriegsende war sie 17 – und ihre Körperbehinderung daran gehindert wurde, in der Struktur des nationalsozialistischen Machtapparats aufzusteigen und damit Teil der Verbrechen zu werden, die durch diesen Machtapparat begangen wurden. So beschreibt sie sehr ehrlich, dass sie nur deswegen nicht dazu kam, einen älteren Herrn wegen negativer Bemerkungen über den Führer anzuzeigen, weil eine Lehrerin ihre Beschwerde nicht weiterleitete.

Man könnte es sich jetzt sehr einfach machen und die Autorin aufgrund ihrer Jugendzeit verurteilen, so wie auch Günther Grass aufgrund seiner erst spät bekannt gemachten Mitgliedschaft in der SS im Internet als „SS-Günni“ verunglimpft wird, obwohl Grass sich in seiner weiteren Laufbahn mit Sicherheit nicht als aktiver Nationalsozialist hervorgetan hat. Das Gegenteil ist der Fall. Auch die Autorin des Buches hat im Verlaufe ihres Lebens eher sozialdemokratische oder grüne Positionen vertreten und sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Als eine solche Auseinandersetzung ist auch das Buch gedacht, und es ist eine ehrliche Auseinandersetzung, die die Autorin führt. Sollte man sie also aufgrund der politischen Grundhaltungen verurteilen, die sie in ihrer Jugendzeit vertreten hat? Meiner Ansicht nach auf keinen Fall.

Damit stellt sich allerdings ein Problem. Auch ein Reinhold Hanning, der letzte Woche im Alter von 94 Jahren wegen seiner Tätigkeit in Ausschwitz vor mehr als siebzig Jahren zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren verurteilt wurde, ist in die Mitgliedschaft in die SS nur reingerutscht. Auch er musste aufgrund der politischen Indoktrination, der seine ganze Generation damals ausgesetzt war, davon ausgehen, dass jegliche Maßnahmen, die das Regime gegen die Juden zu treffen beabsichtigte, gerechtfertig und notwendig waren. Im Grunde kann man mit Fug und Recht davon ausgehen, dass es sich bei seiner Generation um eine verhetzte Generation handelt. Muss man also wirklich davon ausgehen, dass jemandem, der sich in der damaligen Situation durch bloße Teilnahme schuldig gemacht hat, diese Schuld weiterhin vorzuhalten ist? Im Grunde kann man sagen, dass ein Reinhold Hanning vor allem eines hatte – Pech, Pech, in jener Zeit in die verbrecherischen Umtriebe des Regimes verwickelt worden zu sein, während die Autorin des Buches, die seine Ideologie teilte, vergleichsweise unbefleckt aus den Wirren der Zeit hervorging.

Einer der Abschnitte des Buches, in dem eine gewisse Verzerrung der Fakten aufscheint, ist jener, in dem die Autorin aus der Sicht des Jahres 1942 die Gräuel der Konzentrationslager beschreibt. Die Autorin widerlegt sich später selbst, als sie ein Zusammentreffen mit einer Frau beschreibt, die ehemalige Insassin eines Konzentrationslagers war. „In dem Raum, der uns inzwischen zugeteilt wuirde, übernachtet eine junge Frau, deren Kopf kahl geschoren ist und die sehr elend aussieht, ihre Schönheit ist gerade noch zu erkennen. Schließlich fasse ich mir ein Herz, sie anzusprechen und zu fragen, was mit ihren Haaren geschehen sei. Sie antwortet, dass sie in einem Konzentrationslager interniert gewesen sei. Ich frage, was sie dort erlebt habe. Sie antwortet, dass sie darüber nicht sprechen wolle. Mich treffen ihre verweigerte Antwort und ihr Aussehen in den Magen. Ich überlege: Also ist es in den KZs wohl doch so grauenhaft und mörderisch zugegangen, wie seit Kriegsende Rundfunk und Zeitungen verbreiten? Die Bilder von bis zum Skelett abgemagerten KZ-Insassen, die bald nach der amerikanischen Besetzung im Schaukasten der Hohenstein-Ernstthaler Zeitung wochenlang zu sehen waren, haben meine Mutter und ich für Fälschungen gehalten. Ja, auch ich!“ Also war auch die Autorin, die selbst aus einer Familie von Nationalsozialisten stammte, nicht informiert, was in Auschwitz vorging. Es waren unvorstellbare Verbrechen, unvorstellbar auch für die damalige Zeit, und es stellt sich also die Frage, wie Reinhold Hanning darüber informiert sein sollte, bevor er selbst Teil des Betriebs wurde und „seine Pflicht zu tun hatte“.

Es ist viel zu leicht, aus unserer heutigen Sicht über die damalige Zeit zu urteilen. Es ist viel zu leicht, aus unserer heutigen Sicht Grundannahmen zu treffen über die Art und Weise, in der Menschen in dieser Zeit handeln und denken sollten. Vielleicht kann man ehrliche Rechenschaft verlangen, wie es die Autorin in ihrem Buch getan hat, und selbst dies ist aus der Rückschau, mehr als 70 Jahre nach dem Ende des verbrecherischen Regimes der Nationalsozialisten eine schwierige Aufgabe. Vor allem aber, jede Forderung nach ehrlicher Rechenschaft beinhaltet auch ein gerütteltes Maß an Selbstgerechtigkeit, baut auf einem Selbstbild auf, nach dem man selbst nie so gehandelt hätte und auch nie den nationalsozialistischen Marktschreiern auf den Leim gegangen wäre. Wenn ich ehrlicherweise vor mir selbst Bilanz ablege, muss ich zugestehen, dass ich dies von mir nicht sagen kann, muss ich ehrlich eingestehen, dass ich – und damit meine ganze Generation – verdammt viel Glück gehabt habe, dass wir nicht in einem solchen System aufgewachsen sind. Unsere Großelterngeneration hatte dieses Glück nicht. Das sollte man nicht vergessen. Diese Einsicht erlegt uns die Verpflichtung auf, dafür zu sorgen, dass es nie wieder zu solchen Verbrechen kommt – aber es sollte uns auch einen milderen Blick auf jene bescheren, denen es anders ging als uns.

Nationalsozialismus

http://www.geschichtswerkstatt-buedingen.de/index.php/78-buecher-der-geschichtswerkstatt-buedingen/100-auch-ich-war-ein-hitler-maedchen