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Wieso der Grund, weshalb ich für hochbegabt gehalten wurde, meine eigentliche Hochbegabung zu Tage brachte.

Die Geschichte meiner Faszination für Bücher begann damit, dass ich mit etwa drei Jahren einen kurzen, wunderbaren Moment lang für hochbegabt gehalten wurde. Auf einmal las ich laut Worte aus der Zeitung (genauer gesagt dem Fernsehprogramm) vor, meine Schwester war hin und weg und überbrachte meinen Eltern mit stolzgeschwellter Brust die frohe Botschaft. Bald stellte sich jedoch heraus, dass ich weniger hochbegabt, dafür aber fernsehbegeistert war: Ich hatte mir das Schriftbild der Wörter „Werbung“ und „Sport“ aus dem täglichen Programm gemerkt und diese Wörter in der Zeitung wiedererkannt. Sicherlich nicht die mentale Höchstleistung, die mir zuvor „unterstellt“ wurde, aber es zeigte doch schon damals meine Faszination für Wörter. Ich hielt es schlicht und einfach nicht aus, dass größeren Kindern und Erwachsenen mit dem Lesen eine Welt erschlossen war, die mir aufgrund des kindlichen Analphabetismus verwehrt bleiben sollte. Also beschloss ich zwei Jahre später gemeinsam mit einer Kindergartenfreundin, dass wir uns selbst und gegenseitig das Lesen beibringen wollten. War dieses Vorhaben anfangs von der Kindergartentante (Sie hieß Andrea, hatte eine riesige Frisur und trug eine nicht minder riesige Krankenkassenbrille) noch mit einem milden Lächeln quittiert, so nahm man uns bald ernst und wir wurden flugs zu Vorleserinnen im Lesebereich befördert.

Es scheint zumindest in meiner kleinen Geschichte nur logisch, dass die vermutete und dann entkräftete Hochbegabung doch eine ganz andere Begabung zu Tage brachte, die ich heute zu meinem höchstpersönlichen Charakterzügen zähle: Ich will es einfach wissen. Es gibt keinen Grund für mich, irgendetwas nicht lernen zu können, mich irgendwo nicht auszukennen. Und wenn ich heute meine fast zweijährige Nichte betrachte, dann achte ich weniger darauf, wie viele Wörter sie schon kann, sondern viel eher darauf, dass sie tatsächlich bereits einen ganz eigenen Humor entwickelt hat, die Stimmung in einem Raum wahnsinnig schnell spürt und ein ganz besonderes Talent dafür entwickelt, Bewegungen und Gesichtsausdrücke wahrzunehmen. Vielleicht sind es diese kleinen Dinge, die aus ihr einmal eine talentierte Kabarettistin oder einfühlsame Psychologin machen?
Im Endeffekt ist eines klar: Kinder entwickeln sich. Und zwar selbst. Wird ein Kind in seiner Neugier und seiner Lust auf das Erfahren von Texten nicht gestoppt, aber auch nicht gedrängt, dann kann sich aus ihnen ein Mensch entwickeln, der sich mit Lesen eine ganze Welt erschließen kann.

Lesenlernen