Wink mit den Zaunpfahl

Der Mensch an sich ist ja nicht besonders helle. Er lernt langsam und meist widerwillig. Erst dauerte es eine kleine Ewigkeit, bis unsere Vorfahren sich von den Bäumen runter und ins freie Gelände hinaus trauten, dann mussten sie mühsam den aufrechten Gang lernen, und bis erstmals jemand auf einem Fahrrad saß, vergingen nochmals ein paar Millionen Jahre. Auch der vergleichsweise kleine Entwicklungsschritt vom qualmenden Feuer in einer zugigen Höhle bis zur Fußbodenheizung dauerte mindestens 100.000 Jahre. Erst in den letzten Jahrhunderten sind wir deutlich erfinderischer geworden, mit dem Erfolg, dass die Menschheit nun mit vereinten Kräften an jenem Ast sägt, auf dem wir alle sitzen. Bildlich gesprochen.

Die Zukunftsaussichten für unsere Spezies sind alles andere als rosig, und leider betrifft das auch große Teile der Flora und Fauna auf diesem wundervollen Planeten. Kollateralschäden der Fehlentwicklung jener Gattung, die sich selber für die Krone der Schöpfung hält. Doch das Leben – diese unerklärlich-magische Kraft, die vor 14 Milliarden Jahren das gesamte Universum aus dem Nichts erschaffen hat und bis heute im Gleichgewicht hält, und der wir, hervorgegangen aus einer unappetitlichen Ursuppe mit ein paar Aminosäuren und Einzellern als Einlage, unsere Existenz verdanken – gibt nicht auf und uns immer wieder wohlmeinend Nachhilfe. Das Leben spricht eine klare und bildhafte Sprache, und man muss schon wirklich vernagelt sein, um diese Botschaften zu ignorieren.

Nur zwei Beispiele: 1. Im März fand in Japan eine UN-Konferenz zum Thema Katastrophenschutz statt. Dabei ging es vor allem um die Folgen des Klimawandels, der besonders die Existenz von Inselstaaten und niedrig gelegenen Ländern wie Bangladesh gefährdet. Pünktlich zu Konferenzbeginn verwüstete Zyklon Pam die Südseeinseln von Vanuatu. Der zutiefst schockierte Präsident Baldwin Lonsdale bat die Gipfelteilnehmer unter Tränen um das längst überfällige Umdenken bei CO2-Ausstoß und Energieverbrauch, bevor er eiligst nach Vanuatu zurückflog. Pam war übrigens der zweitstärkste jemals gemessene Zyklon.

2. Vorgestern trafen sich in Wien europäische Staatenlenker, um über die Flüchtlingskrise zu diskutieren. Insbesondere die westlichen Balkanländer – aus denen einerseits viele Flüchtlinge ohne echten Asylanspruch stammen, und durch die andererseits täglich tausende Kriegsflüchtlinge aus Syrien oder anderen Krisenstaaten nach Europa strömen – standen ganz oben auf der Agenda. Die letzte Limousine war noch nicht an der Wiener Hofburg vorgefahren, als die Nachricht von jenem ungarischen Kühltransporter die Runde machte, der verlassen an einer österreichischen Autobahn stand. 71 bis zur Unkenntlichkeit verweste Leichen fanden sich im Inneren des Lastwagen, der vermutlich von extrem abgebrühten Schleppern als Zwischenlager für tote Kunden genutzt und dann in Österreich entsorgt wurde.

Am 30. November beginnt in Paris der nächste Weltklimagipfel. Schon heute wird vor großen Erwartungen gewarnt, wahrscheinlich geht es zu wie vor sechs Jahren in Kopenhagen: Zehntausende von Beamten, Politikern, Lobbyisten, Aktivisten, Medienvertretern und anderen Zeitgenossen kommen für ein paar Tage zusammen, verhandeln und streiten miteinander und am Schluss kommt nichts dabei heraus. Höchstens eine unverbindliche Absichtserklärung, in den letzten Stunden einer Nachtsitzung mit heißer Nadel gestrickt. Nichts als heiße Luft – im doppelten Wortsinn.

Aber wer weiß, was das Leben für den Herbst dieses bisher wärmsten Jahres aller Zeiten noch in petto hat. Vielleicht gibt es diesmal einen Wink mit dem Zaunpfahl, den niemand übersehen kann. Wir sollten uns also nicht wundern, wenn am 1. Dezember ein riesiger Asteroid auf Grönland einschlägt und den mehrere hundert Meter dicken Eispanzer der Insel zum Schmelzen bringt. Angeblich steigt weltweit der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts nur um einen Meter, immerhin genug, um Städte wie Tokio und New York unbewohnbar zu machen. Aber wer diesen Vorhersagen vertraut, glaubt sicherlich auch, der Homo sapiens hätte den Beinamen sapiens (weise, klug, vernünftig) zu Recht bekommen.

Der Mensch, die Krone der Schöpfung?

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