Wir können auch anders!

Etwa 1900 Flüchtlinge sind heute in Dortmund angekommen, weitere sind unterwegs, der letzte Sonderzug wird für 22:20 Uhr erwartet. Vollkommen erschöpfte Menschen, seit Wochen unterwegs in die Ungewissheit, werden mit Jubel und Applaus begrüßt. Blumen recken sich ihnen entgegen und Schilder mit der Aufschrift Refugees Welcome! Getränke, warme Decken, helfende Hände zu hunderten – so begrüßt Dortmund die Flüchtlinge.

Etwa 1000 Bürger sind im Laufe der Nacht zum Bahnhof gekommen, haben Kleidung, Decken, Lebensmittel und Getränke, Kuscheltiere und andere Nützlichkeiten abgegeben, und viele von ihnen packten gleich tatkräftig mit an. Zu Hunderten bildeten sie Menschenketten, um Sach- und Lebensmittelspenden ins Dietrich-Keuning-Haus (Veranstaltungshalle, fünf Minuten Fußweg vom Hbf) zu bringen. Dort werden die Neuankömmlinge verpflegt, können sich eine Weile ausruhen, bevor sie dann zu nahegelegenen Flüchtlingsheimen weiterreisen, wo für die nächste Zeit ihr Zuhause sein wird.

Nach oftmals unvorstellbar beschwerlichen, extrem gefährlichen und entmutigenden Reisen, nachdem sie immer wieder tagelang an Grenzen festhingen oder zuletzt in Ungarn wie Vieh eingepfercht waren und vernachlässigt wurden, empfängt Dortmund die Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen Teilen dieser aus den Fugen geratenen Welt mit echter Herzlichkeit. Es dauert meist nur wenige Momente, bis die Gesichter der Erschöpften sich aufhellen, Augen wieder leuchten, Lippen wieder lächeln können. 150, vielleicht auch 200 Helfer stehen bei der Ankunft jedes Zuges – Trains of Hope genannt – bereit, warme Decken werden um frierende Schultern gelegt, Getränke verteilt, der erste Durst gestillt. Vermutlich ist aufrichtige Gastfreundschaft und ein herzliches Willkommen mindestens so wichtig wie frisches Wasser und eine gute Mahlzeit. Die Flucht ist zu Ende, sie haben es geschafft, Hoffnung keimt auf. Tränen fießen auf beiden Seiten, Tränen der Erleichterung und der Rührung.

Vielleicht sind heute genauso viele Dortmunder zum Bahnhof gekommen, wie Menschen aus den Trains of Hope stiegen. Sie kamen, um ein Zeichen der Menschlichkeit zu setzen und gegen die Dumpfheit zu protestieren. Dortmund ist bekannt für seine gut organisierte und aktive Neonazi-Szene, einer hat es bei der letzten Bürgerschaftswahl sogar in den Stadtrat geschafft. Im Juli wurde ein Kamerateam des WDR (Lokalzeit-Serie: Rechtsfreie Räume in Europa?) bei Dreharbeiten in Dorstfeld angegriffen, bedroht und mit Böllern geworfen. Ein paar Dutzend Unbelehrbare protestierten auch heute lautstark auf dem Bahnhofsvorplatz gegen die Ankunft der Flüchtlinge, besetzten sogar kurzfristig einen Teil des Bahnhofs. Großzügig eingesetztes Pfefferspray half, die braune Bedrohung verließ die City mit roten Augen in einem Nahverkehrszug, bis zum Bahnsteig eskortiert von hilfsbereiten Polizisten.

Im WDR (Funkhaus Europa, der Multikultispartensender für Weltmusik und ohne Werbung www.funkhauseuropa.de ) berichtete vorhin ein Journalist direkt vom Bahnsteig. Am Schluss der Reportage fragte der Radiomoderator, wie der Journalist persönlich die Situation dort empfinden würde. Er schluckte kräftig und sagte dann mit einem deutlich hörbar im Kloß im Hals: "Wenn ich das an mich herankommen ließe, würde ich weinen. Ich habe selber zwei Kinder, hier kommen so viele Familien an." Dann, nach einer kurzen Pause: "Ein Kollege von mir, Polizeireporter, ist auch hier. Wir kennen uns seit Jahren, haben schon viele Einsätze gemeinsam gemacht, schlimme Sachen, Unfallstellen, Tatorte. Den habe ich heute zum ersten Mal in meinem Leben weinen sehen."

Ich bin stolz auf diese Stadt, die so hässlich sein kann. Äußerlich und innerlich hässlich. Heute hat sie wieder einmal jene Seite von sich gezeigt, derentwegen ich vor 20 Jahren hier im Ruhrpott hängengeblieben bin. Die meisten Menschen sind geradeheraus, großzügig, mutig und unheimlich herzlich. Und für die anderen gibt’s ja Pfefferspray.

Refugees Welcome – auch in Dortmund