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Wir müssen Texte einfacher machen. Oder?

Ich bin unschlüssig.
Dass 40 % der Deutschen nicht mehr richtig lesen und schreiben können, ist im Artikel auf faz.net ein Grund dafür, sämtliche Behördentexte auf ihre Verständlichkeit hin zu überprüfen und anzupassen. Als Experte hierfür wird übrigens jemand genannt, der mit seinem Unternehmen "Capito" davon lebt, Texte aus einer schwierigen in eine leichte Sprache zu übersetzen.
Aber statt sich mit dem allgemeinen Thema der Textverständlichkeit und dem Leseverständnis der Menschen zu beschäftigen, geht es um ein spezifisches Unternehmen und seinen CEO. Keine Experten, die eine andere Meinung vertreten, keine Kritik, nichts.

Versteht mich nicht falsch, ich bin ein Fan der Textverständlichkeit. Ich habe mich ein Jahr und 176 Seiten lang damit beschäftigt, was Textverständlichkeit WIRKLICH ist, wie sie gemessen wird und was sie aussagt. Und ich hasse es, wie sich Behörden und Beamte manchmal geradezu absichtlich gestelzt ausdrücken, nur, damit Otto Normalbürger glauben soll, dass er viel dümmer sei als der wichtige Beamte. Und ich finde vor allem, dass ein Text sich an seine Zielgruppe richten soll und wenn diese die Texte nicht versteht, ist das ein Problem für den Absender des Texts.

So einfach, wie im Artikel dargestellt, ist das Problem der Textverständlichkeit jedenfalls nicht. Für Rhein ist zum Beispiel die Erhöhung der Lesekompetenz kein Thema (was natürlich bei seinem Job durchaus nachvollziehbar ist), Texte sollen nur besonders einfach sein. Das macht wahrscheinlich bei spezifischen Informationstexten für Zielgruppen, die nicht die volle Lesekompetenz haben (Kinder, Menschen mit besonderen Bedürfnissen, Senioren ...) Sinn. Dass Texte generell einfacher sein sollen, wird zum Beispiel auch damit argumentiert, dass viele Asylbewerber in Deutschland aufgenommen werden und dabei auf Texte in leichterer Sprache angewiesen sind.
Aber mit bloßen Sprachniveaus lassen sich die verschiedenen Bedürfnisse von Lesern einfach nicht abbilden. Das weiß jeder, der schon mal eine Fremdsprache gelernt und sich dann ein Kinderbuch gekauft hat, um etwas "Leichtes" zum Lesen zu haben. Dabei steht man, wie mein Vater so schön sagt, wie ein Kalb vor dem neuen Tor. Keinen Plan.
Menschen, die in ihrer Muttersprache eine hohe Lesekompetenz und ein hohes Leseverständnis haben, ist zum Beispiel mit der Verwendung von internationalen Fremdwörtern weit mehr geholfen als mit umständlichen Umschreibungen. Ein Beispiel aus dem Kroatischen: Man könnte "international" mit "internacionalan" übersetzen oder auch mit "medjunarodan" (wörtlich etwa "zwischen den Völkern"). Was versteht jemand, der Kroatisch erst lernt, besser?

So einfach ist es einfach nicht mit der Textverständlichkeit und dem Leseverständnis. Klar ist, dass viele Behörden einfach kompliziert, umständlich und verschwurbelt schreiben und das wirklich nicht sinnvoll ist. Trotzdem muss auch umgekehrt darauf geachtet werden, dass das Lesen im Bildungssystem einen höheren Stellenwert einnimmt, damit den Menschen auch der Zugang zu Texten ermöglicht wird.

"Man könne einem Einbeinigen schließlich auch nicht ständig sagen, er solle endlich laufen lernen. 'Ein Aufzug hilft ihm viel mehr.' Barrieren in der Kommunikation abzubauen sei essentiell, vor allem in einer Demokratie. 'Sonst schließen wir einander aus.'"
Für mich ein absoluter Trugschluss. Will man tatsächlich schwierige Texte mit Stufen, leichte Texte mit Aufzügen und Menschen mit einem Bein mit Schlechtlesern vergleichen, dann drängt sich mir ein anderer Schluss auf: Sicher hilft es dem Einbeinigen schneller und einfacher. Wenn es aber nur mehr Aufzüge und keine Treppen mehr gibt, verlernen die gesunden Zweibeiner das Stiegenlaufen.
Umgekehrt wäre ein Mensch mit Beinamputation darauf angewiesen, dass überall Aufzüge installiert sind. Das macht ihn aber abhängig. Soweit er kann, wird er also versuchen, der "Gehkompetenz" von Zweibeinern näher zu kommen. Er wird eine Prothese bekommen und Tag für Tag trainieren, um zumindest schon bald einige Stufen laufen zu können. So schlecht ist der Vergleich mit dem beinamputierten Menschen gar nicht (denn Vielen kann geholfen werden, so gut wie möglich zu gehen), bloß der Schluss, dass ihm vor allem mit Aufzügen geholfen sein soll, ist für mich schlichtweg falsch.

Meiner Meinung nach muss die Lösung des Problems an beiden Seiten ansetzen. Wenn auf unnötige Kompliziertheit verzichtet wird, Texte sich auch in Hinsicht auf ihre Textverständlichkeit an ihre Zielgruppe anpassen und gleichzeitig die Lesekompetenz der Menschen erhöht wird, dann nähern wir uns einem System, in dem Menschen verstehen, was sie lesen.

Textverständlichkeit

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt-firma-uebersetzt-text-in-leichte-sprache-13796407.html