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Wo ist das Kind in uns verblieben?

Waldrand - Zehn Kieselsteine liegen einer Entfernung von 15 Metern von einem Baum entfernt. Schön nebeneinander aufgereiht. Eine schöne hohe Birke, mit weißem Stamm. Nicht sehr groß im Durchmesser, aber dennoch sehr hoch. Es ist Frühjahr, die Sonne scheint und die Blätter stehen voll im Saft.
Ein kleiner Junge springt vorbei, er mag so sieben, acht Jahre alt sein, und wird sofort vom Anblick des weißen Stammes angezogen. Leuchtend erstrahlt dieser mit den dunklen Buchen und Fichten im Hintergrund. Er läuft zu der Birke, befühlt den Stamm und betrachtet ihn lange und ausgiebig. Verfällt in einen Tagtraum, folgt mit seinen Augen den Ameisen am Stamm auf und ab. Da macht er einen dicken, schwarzen Käfer aus, der am Stamm hinunterkrabbelt und vor den Ameisen zu fliehen scheint. Dieser krabbelt schließlich flink über den Waldboden und der kleine Mann folgt ihm lachend. Nach einigen Minuten stellen sich dem Käfer ein paar Hindernisse in Form der besagten Kiesel in den Weg. Er umkrabbelt diese und unser Junge bleibt an den akkurat aufgereihten Steinchen stehen.
Er schnappt sich einen Kiesel und dreht sich zu der Birke um und wirft den Stein. Daneben. "Nochmal", denkt sich der Junge und schnappt sich den zweiten Kiesel. Auch dieser fliegt neben der Birke vorbei. Ein dritter und vierter verfehlen das Ziel. Der Kleine lacht und hüpft. Nummer fünf, sechs und sieben sind nun schon näher am Ziel angekommen, doch noch immer hat er damit den Stamm verfehlt. Als der zehnte Stein die Birke ebenfalls verfehlt zuckt der Junge mit den Schultern, winkt lachend der Birke zu und läuft wachen Blickes nach Hause. "Beim nächsten Mal", denkt er sich und hüpft.
Etwas später sind die Steine wieder an ihrem Platz. Ein Mann um die dreißig schlendert gemütlich durch den Wald und überlegt sich, wie er seine Arbeit am nächsten Tag bestenfalls angehen kann, damit diese so schnell und genau wie möglich erledigt ist. Schließlich wird ihm dies von seinem Chef auch angerechnet und sich irgendwann in einer Gehaltserhöhung niederschlagen, welche der Mann sehr gut gebrauchen kann. Der Wagen, den er vor ein paar Tagen im Autohaus gesehen hat, hat es ihm durchaus angetan und er ist sich sicher, dass er sehr glücklich sein wird, wenn er diesen endlich sein Eigen nennen darf. Er hat ein Recht darauf sich zu freuen, wenn er schon so fleißig seine Arbeit verrichtet. Und dies gelingt am Besten, wenn man gut zu sich selbst ist und sich belohnt.
Seine Aufmerksamkeit richtet sich nach vorne, als ein paar Kiesel vor ihm davonspritzen, die er wohl beim dahinschlendern weg getreten haben muss. Er bleibt dort stehen, wo einer der Kiesel liegt und schaut sich um. Nachdem niemand zu sehen ist, bückt er sich danach. Als er ihn in Händen hält, dreht er den Kiesel hin und her und schaut nochmal zurück. Dabei fällt ihm die Birke auf, die wie eine senkrecht stehende Neonröhre am Waldrand steht und von der Sonne angestrahlt wird.
Unschlüssig, ob der Stein geworfen werden soll, schaut sich der Mittdreißiger noch einmal um, schließlich möchte er nicht von jemandem gesehen werden. Das wäre peinlich. Zumal er erstens kein Kind mehr ist und zweitens den Baum ohnehin nicht treffen wird. Der Stein ist viel zu klein und auch der Stamm ist so schmal. Es würde darum nichts bringen den Stein zu werfen. Er ist nicht so gut, dass er diesen Wurf schafft. Wohl kaum einer würde dies auf Anhieb schaffen, geworfen hat er auch schon lange nichts mehr. Im Sport war er auch nie der Beste und wenn er mal mit den Kollegen an einem Abend in der Kneipe Dart spielt dann bildet er meist das Schlusslicht. Es wäre toll, wenn er diese Birke treffen würde, mit diesem Stein in der Hand. Aber zu schaffen ist das nicht.
Er wendet den Blick ab, dreht sich herum und geht seinen Weg weiter. In Gedanken hängt er bei diesem Baum, den er treffen möchte, aber nicht treffen wird, egal was er versucht. Außerdem ist er auch gleich zu Hause, dann sieht er sich nochmal das Prospekt des Autohauses an und träumt ein wenig von seinem zukünftigen Gefährt. Er denkt an seine Belohnung, an das Gefühl etwas geschafft zu haben und das erreichte zu genießen. Ob Diesel oder Benzin, oder Hybrid, da ist er sich noch nicht sicher. Aber der Wurf, da ist er sich sicher, würde daneben gehen.
Er bleibt stehen, betrachtet den Kiesel in seiner Hand, dreht ihn hin und her. Er wendet sich um und geht den Weg noch einmal zurück. Keine Menschenseele kommt ihm entgegen, er ist also ganz unbeobachtet und kann sich auf den Wurf konzentrieren. Wo lag der Kiesel nochmal? Er erinnert sich nicht genau. Es dürften so um die 25 Meter gewesen sein. in diesem Abstand bleibt er stehen und richtet seinen Blick auf den weißen Stamm. Er kneift die Augen zusammen, fühlt den Kiesel in seiner Wurfhand. Hebt sie nach oben und hinten. Den Fuß nach vorne - Konzentration. Absolute Ruhe, den Atem anhalten.
Er wirft. Der Kiesel scheint wie in Zeitlupe auf den Baum zuzufliegen, die Flugbahn sieht sehr gut aus, die Höhe und Geschwindigkeit passen perfekt.
Mit einem hörbaren "tock" prallt der Stein genau in die Mitte des Stammes. Der Protagonist bleibt stehen, vergräbt die Hände in den Taschen und führt seinen Weg nach Hause fort.
"Zufall", da ist er sich sicher...

Erwachsensein