Wortloses Wunder

Farben und Muster bestimmen die ersten Momente auf der Leinwand. Ein psychedelisches Kaleidoskop, das sich schließlich zu einem Samenkorn formt. Über ihm hockt ein Junge und lauscht. Aus dem Inneren des bunten Eis dringt eine Melodie an sein Ohr. Er wird es einpflanzen und, wenn daraus ein Baum auf der Wiese vor dem Haus seiner Eltern gewachsen ist, wird er erwachsen sein und die Kindheit hinter sich lassen. Doch bis es soweit ist, springen wir unbeschwert mit ihm durch eine Welt aus Tönen und Farben. Ohne Worte, gänzlich erfüllt von der wundervollen brasilianischen Musik. Als sein Vater die Familie verlässt, um weit entfernt nach Arbeit zu suchen, beschließt der Sohn ihm zu folgen. Ein Ungetüm aus Stahl und Rauch bringt ihn in die Stadt. Er stolpert durch die Welt der Erwachsenen, bis ihn ihre verwirrende Mechanik zu überrollen droht. So unbeschwert, wundervoll und farbenprächtig der Junge die Welt um sich herum zunächst wahrnimmt, könnte man den Fehler machen, das animierte Kleinod des Brasilianers Alê Abreu als Kinderfilm abzutun. Doch die Abenteuer des kleinen Jungen werden zunehmend ernster. Die industrielle Baumwollproduktion rückt vor. Der Konsum und die Sünden an der Natur werden von einer Armee aus Panzern und Soldaten flankiert. Sitzt man die gesamte erste Hälfte noch mit staunend geöffneten Augen vor der Leinwand ob der Fülle an Ideen, mit denen Abreu die Welt in ein wundervolles Gewusel verwandelt, möchte man sie am Ende am liebsten schließen, angesichts der Gräuel, die man ihr antut. Dabei spielt er auf der filmischen Ebene mit einer Vielzahl an Elementen. Die Arbeitswelt wird von klaren Linien bestimmt und setzt sich aus Kollagen zusammen. Der Junge ist mit ein paar einfachen Strichen des Kohlestifts zum Leben erweckt, die Reiche Natur und die immer wieder auftauchenden Musiker und Tänzer mit bunten Wachsmalfarben. »Der Junge und die Welt« ist ein einzigartiges Werk, das auf Festivals rund um die Welt bereits mit über vierzig Preisen bedacht wurde.

Der Junge und die Welt