Wunderbarer Wertzuwachs

Davon träumen viele in Zeiten von Niedrigzinsen und unruhigen Börsenkursen: Mehr als zehn Prozent Wertsteigerung innerhalb von wenigen Stunden. Wie das geht? Shell, Aral & Co. machen es vor, und zwar jeden Abend. Kaum haben Billiganbieter wie Mr. Wash und die großen Supermärkte ihre Tankstellen geschlossen, da schnellen in Dortmund die Spritpreise in die Höhe. Und zwar gleich um 16 bis 18 Cent pro Liter. Jet ist etwas bescheidener und begnügt sich mit sechs oder sieben Cent ab 23:00 Uhr.

Erstmals aufgefallen ist mir dieses Phänomen vor einigen Wochen. Bei einer Freundin zum Abendessen eingeladen schnaufte ich mit dem Fahrrad einen Hügel hoch und passierte dabei die Araltankstelle am Heiligen Weg (heißt tatsächlich so). Ich gestehe, zu meinem Fuhrpark gehört auch ein alter VW Passat. Allerdings mit nagelneuem Kat, und er wird wenig bewegt. Wie viele Autofahrer speichere ich unterwegs ganz automatisch die Benzinpreise ab, und bei Aral kostete Supersprit (ohne den blödsinnigen Zusatz von Zuckerrohrschnaps, angebaut auf abgeholzten Amazonasurwaldflächen) 1,40 € pro Liter. Als ich um 23:30 Uhr vollgefressen und guter Laune denselben Hügel wieder hinabrollte, traute ich meinen Augen nicht. Oder zweifelte an meinem Verstand, denn nun prangte auf der Anzeige der blau gestylten Spritverkaufsstelle in fetten Lettern ein Preis von 1,58 €. Eine Wertsteigerung von 12,85 Prozent innerhalb weniger Stunden – viele Investmentbanker sind froh, wenn ihre Aktienfonds eine solche Rendite pro Jahr aufweisen.

Natürlich weiß ich, dass Aral, Shell und Konsorten nicht etwa kackdreist die Preise erhöhen und uns haargenau denselben Sprit wie tagsüber abends mit einem fetten Preisaufschlag verkaufen. Der Nachtsprit kommt auch nicht etwa aus einer schnöden Raffinerie in Gelsenkirchen oder Wilhelmshaven, weit gefehlt! An streng geheimen Orten im Schatten uralter Buchen füllen Jungfrauen in blütenweißen Gewändern unter der Aufsicht strenger Druiden große Kupferkessel mit dem kostbaren Erdöl, das dann über einem sorgsam geschürten Feuer – Holzkohle aus den Stämmen tausendjähriger Eichen sorgt für exakt die richtige Temperatur – stundenlang bei 73,45° sieden muss, bis sich schließlich der kostbare Supertreibstoff von Diesel, Schweröl und Teer trennt und klar wie Morgentau aus dem Destillator tröpfelt. Wahrscheinlich wird das Produkt dieser mühevollen Arbeit auch nicht mit schnöden Tanklastwagen durchs Land gekarrt, sondern in hölzernen Fässern auf den Rücken gezähmter Drachen an seinen Bestimmungsort gebracht, per Luftfracht sozusagen.

Stop, aufwachen! Wir werden wieder mal abgezockt. Illegale Preisabsprachen sind mittlerweile so normal wie Bier und Bratwurst bei einem Gartenfest. Fleisch, Fahrstühle, Waschpulver, Zement, Matratzen, Eisenbahnschienen, Kaffee, Schokolade, Bier und etliches mehr – immer wieder vereinbaren Produzenten und Händler heimlich überhöhte Preise für fette Profite. Nicht zu vergessen der Libor-Skandal, bei dem rund 20 Banken jahrelang Zinssätze zu ihrem Vorteil manipulierten und deshalb konsequenterweise 1,7 Milliarden € Strafe zahlen mussten, fast die Hälfte davon berappte allein die Deutsche Bank.

Weshalb kostet Benzin morgens im Berufsverkehr und abends mehr als sonst? Wann kommen Bäcker auf die Idee, ihre Brötchen vor 9:00 Uhr früh teurer anzubieten als tagsüber? Wieso kosten Pils und Grillkohle am Samstag genauso viel wie montags? Und warum kann ich das örtliche Freibad an einem glutheißen Augusttag zum selben Preis benutzen wie im verregneten Mai? Weil eine Ware oder Dienstleistung zu einem bestimmten Preis kalkuliert und angeboten wird, und der Käufer nicht getäuscht und übervorteilt werden darf. So will es das Gesetz, und das ist gut so. Die Spritpreisschwankungen haben absolut nichts mit Angebot und Nachfrage zu tun, denn exakt die gleiche Ware (unterirdisch bei den Tankstellen gelagert) wird je nach Tageszeit zu unterschiedlichen Preisen angeboten. Nichts gegen Happy Hour und Sonderangebote – da wird der Normalpreis gesenkt, um einen Kaufanreiz zu schaffen. Aber die Preispolitik der großen Tankstellenketten ist meiner Meinung nach ein Fall fürs Kartellamt.

Wen es interessiert – man kann die täglichen Preisschwankungen sehr gut auf www.clever-tanken.de verfolgen. Meine Postleitzahl ist 44135, und wenn ihr oben den Umkreis auf 2 km einstellt, findet ihr auch die Araltankstelle am Heiligen Weg.

Organisierte Abzocke durch Mineralölfirmen