Xavier Naidoo beim ESC - alles halb so schlimm?

In Antwort auf Jessicas Comment: Ganz so ganz so einfach ist das leider nicht. Naidoo kann bestimmt nicht als vollblütiger Nazi oder Rechtsextremer bezeichnet werden. Er selbst nennt sich nur "Systemkritiker". Gerade ein Rassist im ursprünglichen Sinne - also dem, dass man Menschen ihrer Herkunft nach in Klassen verschiedener Wertigkeit einteilt - ist er wohl nicht. Man sollte also vielleicht ganz explizit darüber reden, was er genau gesagt oder getan hat, was manchen Menschen (unter anderem mir) nicht gefällt.

Er hat mehrmals öffentlich gesagt, Deutschland bzw. die Bundesrepublik Deutschland sei kein souveränes, sondern ein besetztes Land; genauer gesagt, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Deutschland von den Siegermächten USA, Russland, Frankreich und Großbritannien besetzt worden wäre (soweit richtig) und bis heute niemals seine Souveränität zurückerlangt hätte. Diese zweite Behauptung ist nicht richtig, trotz hier stationierten Soldaten anderer Länder ist und war die BRD de facto ein souveränes Land, und mit dem so genannten "2 plus 4"-Vertrag im Zuge der Wiedervereinigung wurde das 1991 auch staatsrechtlich festgelegt. In der Logik der so genannten "Reichsbürgerbewegung", auf deren Veranstaltungen Naidoo bereits aufgetreten ist, hat der Vertrag keine Wirksamkeit, vielmehr würde noch die Verfassung der Weimarer Republik gelten - und auch die deutschen Grenzen von vor dem Zweiten Weltkrieg hätten viele gerne wieder. Mit diesen Ansichten und Forderungen sitzen sie in einem Boot mit unbequemer Gesellschaft, darunter hundertprozentige Nazis.

Außerdem hat Naidoo mehrmals Verschwörungstheorien zu den Anschlägen am 11. September 2001 in New York vertreten, die besagen, dass diese ein "inside job" gewesen wären, also von der Regierung der USA oder zumindest nicht von Al Quaida durchgeführt worden wären. Weiterhin wirft man ihm vor, sich in einem hidden track vom Album "Gespaltene Persönlichkeit", eine Kollaboration mit Kool Savas, schwulenfeindlich oder mindestens fragwürdig geäußert zu haben; der Text scheint eine Verbindung von Homosexualität und Pädophilie nahezulegen, was aus wissenschaftlicher Sicht völlig unfundiert ist.

Wichtig zu beachten ist, dass das alles keine Verbrechen sind. In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit, solange keine Persönlichkeitsrechte anderer Menschen verletzt oder Gesetze gebrochen werden (z.B. das Verbot der Leugnung des Holocausts). Was viele jedoch beunruhigt, ist, dass die Reichsbürger- und Verschwörungs-"Szenen" es selten dabei belassen, zu behaupten, Deutschland sei nicht souverän oder 9/11 wäre ein "inside job" gewesen. Stattdessen werden Schuldige gesucht oder Erklärungen versucht. Das klingt dann manchmal so: Es gäbe Gruppen von mächtigen Politiker/innen und Wirtschaftsbossen, die im Geheimen alle Geschicke der Welt lenken würden. Nicht selten fallen dabei Begriffe wie "US-Ostküste", oder "zionistische Lobby". Auch Naidoo hat sich in die Nähe solcher Argumente begeben, als er in einem Song von "Baron Totschild" sprach - eine Anspielung auf die Familie Rothschild, die in Verschwörungskreisen als Protagonisten einer solchen Lobby gelten. Rechtlich ist das alles unverfänglich, aber vielen, ob pro oder contra, ist klar, was häufig damit gemeint ist - nämlich dass "die Juden" die Welt beherrschen, oder vielmehr unterjochen würden. Was an dieser Aussage problematisch ist, muss ich hoffentlich nicht erklären. Feste, unbestrittene Beweise für all diese Theorien gibt es übrigens nicht.

Die Situation ist aber auch schizophren: Naidoo hat sich bei "Rock gegen Rechts" engagiert und erst vor kurzem einen offenen Brief unterzeichnet, der Angela Merkel auffordert, sich für das Heiratsrecht für gleichgeschlechtliche Paare einzusetzen. Er selber beteuert, keinerlei rassistisches, schwulen- oder judenfeindliches Gedankengut zu vertreten.

Ungefragt gebe ich hier mal meine persönliche Meinung wieder: Ich denke, Naidoo ist ein Mensch, der sich in einem stark selbstbezogenen und vielleicht gar egozentrischen Hirn eine seltsame Mischung aus Religiösität, Messianismus, Verschwörungstheorien und pseudokritischem Denken gebraut hat. Vermutlich ist er kein Rassist, kein Antisemit, kein Schwulenhasser. Vermutlich meint er alles gut. Nur leider gilt häufig: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Der Oberbürgermeister von Naidoos Heimatstadt Mannheim, Peter Kurz, hat Recht, wenn er sagt, Naidoo gehöre nicht ins rechte Spektrum - bediene aber bestimmte Muster von Rechtsextremen. Damit ist er ein Teil des Problems.

Xavier Naidoo

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