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Zauberei und echte Magie.

Wie nimmt man als Kind zum ersten Mal Magie wahr? Natürlich durch Zauberei. Bei mir war es der Papa, der mir etwas vorgezaubert hat. Gegenstände, die verschwinden und an anderer Stelle wieder auftauchen, das war mir was sehr Übernatürliches und führte dazu, dass ich als kleiner Bub bald einen eigenen Zauberkasten besass, verbiegbarer Zauberstab und gezinkte Karten inklusive. Auch später war die Figur des “Zauberers” eine prägende: In den zerlesenen Taschenbüchern mit Fantasy-Romanen von Robert E. Howard und Michael Moorcock und in diversen Brettspielen wollte ich immer lieber ein Mann mit Hut und Zauberkräften sein als ein Barbar oder Dieb. In meiner Vorstellung sahen Zauberer alle so aus wie in der Rogar Corman-Verfilmung von Edgar Allan Poe’s Gedicht “Der Rabe”: Uralte, verhutzelte Gestalten mit turmhohen, spitzen Hüten auf dem Kopf. Über die lachte man allerdings besser nicht, denn wenn die wollten, schossen aus den Fingerspitzen ihrer faltigen Hände gleissende Strahlen in Rot oder Blau, die alles in ihrer Umgebung verwandeln oder zerstören konnten. In einer meiner pubertären Phasen, gefangen in dieser allseits bekannten, hilflosen Ohnmacht gegen Eltern, Schule und das Establishment überhaupt, verwandelte sich die heimelige Figur des Zauberers zum Satanisten, der dämonisch lachend auf dem Pfad der linken Hand wandelte und mit all seinen wilden Ritualen, schwarzen Messen, geopferten Ziegen und Jungfrauen Gott nicht nur verhöhnen, sondern auch töten konnte; so ein Teufelsanbeter erschien mir als das mächtigste Wesen im ganzen Kosmos (dass der mir damals als Rolemodel dienende Anton Szandor LaVey aus der Welt der Jahrmärkte und des Zirkus stammte, also eher den Zauberer meiner kindlichen Welt darstellte, wurde mir erst viel später bewusst). So um mein zwanzigstes Lebensjahr herum entdeckte ich bei einem Freund ein dickes Buch des französischen Okkultisten Eliphas Lévi namens “Geschichte der Magie”. Mich durch die altertümlichen und verstaubten Sätze des Werkes durchwühlend, wurde mir zum ersten Mal klar, was der Begriff “Magier” bedeutet. Mit glühenden Ohren las ich von seltsamen Superhelden der Vergangenheit, wie den beiden Grafen Saint-Germain und Cagliostro – der eine ein eleganter, großspuriger Wiedergänger, der andere ein grimmiger Schwarzmagier. Ob sie sich in Wirklichkeit einmal begegnet sind, ist unbekannt, in einem Film aber zumindest haben sie sich kurz einmal getroffen: Im ersten Fantasyfilm der UFA, “Münchhausen” aus dem Jahr 1943 warnt Saint-Germain in seiner Inkarnation als Baron Münchhausen (Hans Albers) Cagliostro (Ferdinand Marian, drei Jahre nach seiner fatalen Rolle als Jud Süß) vor drohender Verhaftung und erhält dafür von ihm das Geschenk immerwährender Jugend – ein schönes Sinnbild für die angebliche Fähigkeit Saint-Germains, ewig zu leben. Möglicherweise sind Saint-Germain und Cagliostro aber auch ein und diesselbe Person gewesen, und wurden nur als zwei verschiedene Gestalten dargestellt, um die in der dualen Weltsicht so wichtige Trennung zwischen “weisser” und “schwarzer” Magie zu symbolisieren (eine Aufteilung, die mich immer schon verwirrt hat). Ausgehend von Lévis Buch tastete ich mich weiter in der Geschichte der Magie vor und weitere legendäre Gestalten tauchten auf: der mysteriöse “Weisheitslehrer” Hermes Trismegistos, dessen “Tabula Smaragdina” die für die Alchemie und Magie vermutlich wichtigsten Lehrsätze lieferte (“wie oben – so unten”, “wie innen – so aussen”, “Wie im Grossen – so im Kleinen”); der epochale John Dee, dessen henochische Sprache zur Kommunikation mit Engeln als Grundlage für diverse magische Praktiken des Hermetic Order of the Golden Dawn diente, und das berühmteste Mitglied des Golden Dawn – Aleister Crowley, den viele vemutlich noch immer für den bösesten Menschen halten, der je auf Erden wandelte. Daran ist Crowley, der Zeit seines Lebens gerne schockierte und provozierte, sicherlich nicht ganz unschuldig; allerdings wird es den vielfältigen Talenten des (laut Eigendefinition) “Grossen Tieres” sicherlich nicht gerecht. Der begabte Bergsteiger, Okkultist, Mystiker, Kabbalist und Poet hat viele Bücher geschrieben, die heute noch spalten: Die einen halten sie für den unwiderlegbaren Beweis, dass Crowley eine Inkarnation Satans war, die anderen schmücken sich gerne mit deren Besitz. Beiden Fraktionen eint allerdings das Unverständnis seiner Werke. Ungeachtet aller wilden Äusserlichkeiten ist es aber Crowleys Verdienst, die Magie in ein neues Zeitalter gestossen, sie ordentlich durchgeschüttelt und entstaubt zu haben; eine Basis, auf der moderne Magiesysteme überhaupt erst wachsen konnten.

Aleister Crowley