Zum Abschied - ein "Interview mit dem Tod"

„Die Nacht öffnet die Seelen,“ erklärt Jürgen Domian die Magie seiner Sendung. Da hatter wohl recht, und jede/r, die/ der wie ich ein bisschen zum Voyeurismus und geistigen Elendstourismus neigt, hat sich wohl schon mal an den teils haarsträubenden Fällen elektrisiert, die der Radiotalker immer souverän mit seiner über die Jahre gereiften Been-there-done-that-Mentalität pariert. Trotzdem, auch nach 20 Jahren wirkt Domian (meistens) noch ehrlich an den Schicksalen seiner Anrufer*innen interessiert. Wie macht er das nur?

Antwort gibt jetzt eine neue Dokumentation mit dem Schauriges verheißenden Titel: „Domian - Interview mit dem Tod“. Aber keine Angst, wirklich gruselig wird's hier nicht. Bezüglich der ewigen Fragen „Wo kommen wir her?“ / „Wo gehen wir hin?“ bringt dieses Porträt von Birgit Schulz allerdings, klar, auch keine brauchbaren Ergebnisse hervor. Obwohl Jürgen D. dem finsteren Gevatter (zum Glück nicht im Bild zu sehen!) in einem etwas schräg inszenierten „Interview“ tatsächlich die eine oder andere Frage stellt. Dafür lernen wir einige Domian-Anrufer*innen zum Thema Tod hier mal in - teils anonymisierten - Bildern in ihrem natürlichen Habitat kennen, was aus voyeuristischer Sicht natürlich nicht ganz uninteressant ist. Außerdem erfährt man einiges über Domians eigene Haltung zur Sterblichkeit und erhält Antworten auf die Fragen: Wie wurde Domian Domian? Was macht Domian zur Entspannung und: Was hatte Domian als Gymnasiast für eine Frisur?

Schade, schade: Für Ende 2016 hat Domian seinen offiziellen Rückzug aus der Welt des Nighttalks angekündigt. Verständlich bzw. eigentlich verwunderlich, wie man so einen Job überhaupt so lange aushalten kann. Man braucht schon ein starkes Nervenkostüm, eine stabile Psyche und wohl auch eine gute körperliche Konstitution, um den absurden Biorhythmus eines Domians so lange auszuhalten. Er schläft und wacht übrigens zu denselben Zeiten wie ich, wie mich dieser Film gelehrt hat - das schafft natürlich eine gewisse Nähe. So wie auch die Pseudointimität der Nacht, von der Domians Sendung immer wieder profitiert hat.

Ja, Domian, du wirst mir fehlen, auch wenn ich Dich heute nicht mehr so oft höre. Deine krassen Gesprächspartner*innen und Deine sonore Stimme haben mir so manche schlaflose Stunde meiner Teenagerzeit versüßt, damals, als es noch kein Internet gab, der Fernseher bei den Eltern im Wohnzimmer stand und wir alle Radio hören mussten, wenn es uns nachts zu still war. Nett jedenfalls, Dich am Ende dank dieser Dokumentation noch mal ein bisschen besser kennengelernt zu haben. Und vielleicht ruf ich ja doch noch mal an und erzähl Dir was, wenn alle anderen im Bett sind.

Domian

http://www.filmstarts.de/kritiken/238053.html

Anzeige: